Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Stadt St.Gallen
29.01.2022
27.01.2022 15:21 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: pd
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Blooscht».

Blooscht (männlich, Singular) steht für Dummheit/Unsinn, Wind/Gewittersturm, Flatulenz, Atem

Was man heute mit «Erzähl nicht so einen Blödsinn», abtut, klingt in unserer St.Galler Mundart wesentlich bodenständiger: «Verzapf nöd sonen Blooscht!» So hiess es jedenfalls noch vor ein paar Jahrzehnten. Eines der Dialektwörter übrigens, die mir persönlich sehr geläufig sind und die ich entsprechend oft im Alltag verwende.  Der «Blooscht» wird als Synonym für «Mist», «Unsinn», «Quatsch» verwendet – «Wa för en Blooscht!». Früher jedoch hatte er noch ganz andere Bedeutungen und wenn man ein bisschen nachforscht, wird’s richtig spannend.

War früher an einem Sommerabend ein kurzer Regenschauer, oder ein Gewitter mit Wind zu erwarten, sprach man ebenfalls von einem «Blooscht»; «get wohrschinli no en Blooscht hüt» oder «chunnt hüt denn scho no go blooschte!» Auch als Synonym für «Atem» wurde vor Jahrhunderten schon, der «Blooscht» oder «Blast» verwendet. Ein Schlachttier war dem Sterben nah, wenn es, nach einem Eintrag im Schweizerischen Idiotikon 1866, «...de Blast uslad.»

Im «Idioticon Rauracum», im «Baseldeutschen Wörterbuch» von 1768 findet sich dazu folgendes: Der Blast; inflatio, flatus. Blähung, Windstoss. «Stolz, wovon Kopf und Bauch schwillt!» Bei diesem Satz stocke ich unweigerlich und muss an den grossen Wirtschafts- und Banken-Prozess denken, der diese Woche im Volkshaus in Zürich startete. «Stolz, wovon Kopf und Bauch schwillt!» Hmm... da könnte man doch glatt versucht sein zu denken, dass manche Leute ihre Flatulenzen eventuell auch schon im Hirn produzieren... Aber das nur am Rande.

Noch deutlicher wird da das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, wo sich in einer Zeit vor 1700 der «Blästerling» findet. «Blästerling, flatus; indem empfur der beurin noch ein blästerling!» – was wohl nicht speziell übersetzt werden muss. Oder : «da empfur dem priester ein blost unden ausz das es knalt.» Und zu Gotthelfs Zeiten wusste man schon: «...dersame und wurzen in wein oder wasser getrunken vertreibt alle bläste und winde. die essenz von meisterwurz zertheilet die wind und bläste der därmer.»

Neben der medizinischen Indikationen, waren es aber auch die Naturgewalten, die in Gestalt eines «Blooscht» oder «Blast» daher kamen und die Menschen in Angst und Panik versetzten. «Ein Berggeist habe beispielsweise zu Anneberg mehr als 12 Arbeiter mit seinem Blasen ums Leben gebracht.» Den «Blast» habe er mit aufgesperrtem Maul von sich gegeben und sei mehrfach in Gestalt eines Pferdes gesehen worden! Das erfährt man in einer Sage ebenfalls in alten Schriften: «Der wind ist Gottes atem und blast, türn und heuser würft er damit nieder und entdeckt sy. (1592). Ob der grossen Not bei Unwettern, vertraute schon Zwingli getrost auf den «göttlichen Blast und Geist.» «So ist allein der glaub nutzlich und heilsam, der sich dem nachwind des göttlichen blaasts und geists vertruwt und nicht der, da du alles gloubst, das man von seltzamen landen und lüten sagt.»

Wem das nun nicht reicht, wenn er von weltlichen «Blööscht» oder «Blästen» geplagt wird: die oben erwähnte Meisterwurz-Urtinktur (imperatoria ostruthium) ist noch heute ein hilfreiches Mittel bei Magen und Darmproblemen und lässt den «Blooscht» entweichen. Allerdings nur den im Bauch, nicht den im Hirn...

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin