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Stadt St.Gallen
01.01.2022
28.12.2021 10:52 Uhr

Mundart-Kolumne «Hopp Sanggale!»

Susan Osterwalder-Brändle
Susan Osterwalder-Brändle Bild: PD
Susan Osterwalder-Brändle erforschte während Jahren den St.Galler Dialekt. Mit «Hopp Sanggale!» entstand ein Werk mit rund 3000 Mundartbegriffen und Redensarten, die zum Teil schon in Vergessenheit geraten sind. Auf stgallen24 leben sie wieder auf. Heute: «Nienewägeli» und «Nüteli».

Nienewägeli und Nüteli (sächlich, Singular) bedeutet «Nichts»

Was lag der Weihnachtszeit doch früher ein wunderbarer Zauber inne. Vom ersten Adventssonntag bis zum Weihnachtsfest gab es Neues und Feines zu entdecken. Adventskalender, Grittibänze, Schoggiräppli, Mandarinli, Chlausebiberli, «Schpanisch Nüssli», der Duft der selbstgezogenen Kerzen und des aufgekochten Leims für Grossvaters Krippenlandschaften. Die Erwachsenen taten immer so wahnsinnig geheimnisvoll. Ich bin als Kind fast «vergitzlet», weil ich das Fest und natürlich das, was unter dem Baum liegen würde, kaum erwarten konnte. Gefühlte hundertmal fragte ich nach, was ich denn an Weihnachten bekommen würde – und erhielt die immer gleiche frustrierende Antwort: «E goldigs Nienewägeli mit eme silbrige Nüteli drin!»

Wenn ich dann an Heiligabend etwa um 17 Uhr für etwa zwei Stunden ins Bett musste, damit ich bis spät am Abend aufbleiben und Weihnachten feiern durfte (und schliesslich brauchte das Christkind auch ein Zeitfenster, um ungestört den Baum zu schmücken und die Päckli darunter zu drapieren) war die Spannung kaum mehr auszuhalten. An Schlafen war nicht zu denken. Und dann kam der grosse Moment: Die vorher abgesperrte Stube, zu der man keinen Zutritt hatte und auch nicht durchs Schlüsselloch blinzeln konnte, weil dieses abgeklebt war, wurde geöffnet, nachdem das Weihnachtsglöckchen leise erklang.

So wie ich, können sich wohl die meisten 60er/70er Jahrgänge noch an das Bild der abgedunkelten Stuben erinnern. Die roten oder weissen Kerzen am mit bunten Kugeln und Lametta behangenen Baum, erhellten warm das Zimmer, und der heimelige Duft von Wachs und Tannennadeln stieg einem in die Nase und bleibt wohl für immer unvergessen. Grossvaters Krippe war ebenfalls beleuchtet. Die Stalllaterne und das Lagerfeuer der Hirten, war mit kleinen Lämpchen und mit einer roten Folie versehen und mit dünnen Drähtchen an einer Batterie angeschlossen, die mein Grossvater unter der Trägerplatte der Krippenlandschaft versteckte.

Ein goldenes «Nienewägeli» mit einem silbernen «Nüteli» drin habe ich zum Glück nie bekommen. Dafür ganz viele wunderbare Geschenke, an die ich mich heute noch sehr gerne erinnere. Darunter ein wunderschönes Paar knallrote Holz-Skier, und geschnürte, schwarze Leder-Skischuhe, die ich gleich zu Neujahr zu Schrott fuhr, weil ich damit frontal in eine Holzhütte bretterte.

So erinnert sich wohl jede/r von uns an Lieblingsweihnachtsgeschenke. Zumindest gehörte ich zu einer Generation, die mit allerlei Päckli grosszügig bedacht wurde. Bei der Generation davor, war das noch anders. Bis kurz nach dem 2.Weltkrieg gabs ja zu den Festtagen kaum etwas, weil man schlicht «nichts hatte».

Dieser Satz wurde übrigens dem bekannten deutschen Schauspieler Fritz Wepper, der sich in einem TV-Interview an sein Lieblingsweihnachtsgeschenk erinnern sollte, einst zum Verhängnis.

Wer mal wieder so richtig herzhaft Tränen lachen will, sollte auf Youtube die Stichworte «Fritz Wepper, Hoppala» eingeben. 

Damit wünsche ich allen stgallen24-Lesern und Leserinnen frohe Weihnachtstage, viel Spass beim Googeln und möglichst kein «Nienewägeli mit eme Nüteli» drin!

Susan Osterwalder-Brändle, stgallen24-Kolumnistin