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Lifestyle
18.10.2021
18.10.2021 13:28 Uhr

Sind weisse Schafe Rassisten?

Patrice Ezeogukwu über schwarze und weisse Schafe
Patrice Ezeogukwu über schwarze und weisse Schafe Bild: stgallen24
Steckt hinter jeder Redewendung mit dem Wort «Schwarz» ein rassistisches Motiv? Oder ist unsere Gesellschaft so sensibel geworden, dass sie das einfach vermutet? Ein Kommentar von stgallen24-Praktikant Patrice Ezeogukwu.

Die Rassismus-Debatte hat auf der ganzen Welt besonders nach der unverzeihlichen Tat an George Floyd wieder hohe Wellen geschlagen. Es ist wichtig und richtig darüber zu sprechen. Schade, dass es ein weiteres Todesopfer brauchte, damit die Menschen für «Black Lives Matter» auf die Strassen gehen. Rassismus wird man wohl nie ganz aus einigen Köpfen kriegen, aber was kann man tun, um die Menschen im Alltag zu sensibilisieren? Oder gibt es bereits eine Übersensibilisierung?

Sprache ist hier ein wichtiges Stichwort. Sprache ist mächtig, denn sie kann beeinflussen – egal ob bewusst oder unbewusst. Das ist mir als Journalisten-Praktikant noch klarer geworden. Doch ist die deutsche Sprache überhaupt so rassistisch geprägt, wie oft behauptet wird? Gibt es Ausdrücke, die rassistisch sind? Gibt es Ausdrücke, die nicht rassistisch, aber so wahrgenommen werden?

Was darf man noch sagen? Mir scheint es so, als sei das zurzeit nicht ganz klar – aus Angst vor Diffamierung. 


Denkanstoss für meinen Kommentar war die Bemerkung einer nicht dunkelhäutigen Leserin auf Facebook. Sie empfand den Ausdruck «schwarzes Schaf» in einem unserer Artikel als rassistisch. Im Beitrag ging es um Corona-Testcenter, die sich nicht an die Vorgaben halten und aussortiert werden. Im Internet machte ich mich auf die Suche nach einem Beleg, dass der Ausdruck «schwarzes Schaf» rassistisch geprägt ist. Auch wenn der Ausdruck schon mal auf einem SVP-Plakat prangerte, konnte ich keine Hinweise auf ein rassistisches Motiv hinter der Redewendung finden. Als dunkelhäutige Person finde ich es generell etwas schwierig, wenn Weisse mir erklären wollen, was rassistisch ist und was nicht. 

Mit dem sprichwörtlichen Ausdruck schwarzes Schaf bezeichnet man Personen, die sich von den übrigen Mitgliedern einer sozialen Gruppe oder bspw. der eigenen Familie mit ihrem Verhalten oder Handeln, das von den anderen als negativ bewertet wird, abhebt. Die Redewendung geht auf die Wertmassstäbe der Schafzucht zurück. Die Wolle von schwarzen Schafen ist schwieriger zu verarbeiten als rein weisse Wolle, die sich viel leichter in alle gewünschten Farben umfärben lässt. Mit der Hautfarbe von Menschen hat das rein gar nichts zu tun. 

Aber «Schwarz» wird nicht nur bei diesem Ausdruck verwendet: Schwarzfahren oder Schwarzarbeit sind Begriffe, die auch immer wieder als rassistisch empfunden werden. «Schwarz» steht hier für etwas illegales oder verbotenes – etwas das im Dunkeln stattfindet. Aber es gibt zig Begriffe, Ausdrücke und Sprichwörter, in denen die Farbe mit etwas negativem assoziiert wird. 

Farben wirken nun mal verschieden auf Menschen. Schwarz ist die Farbe der Dunkelheit. Sie drückt beispielsweise Trauer, Unergründlichkeit und Geheimnisumwittertes aus, ist aber auch Ausdruck von Würde und Ansehen und kann einen besonders feierlichen Charakter haben. Auch in der Mode wirkt schwarz edel und feierlich. Dass die Farbe aufgrund rassistischer Hintergründe negativ auf uns wirkt, ist eher unwahrscheinlich.

Aus meiner Sicht ist es banal zu behaupten, dass Begriffe wie Schwarzarbeit rassistisch seien. Genau so banal, wie wenn es rassistisch wäre, Angst vor der Dunkelheit zu haben.

Es gibt aber einige Begriff, welche in der Kolonialzeit entstanden und abwertend bzw. klar diskriminierend sind. «N*ger», «Mohr» oder «Mulatte» zum Beispiel. Solche Begriffe sollte man lieber aus seinem Sprachgebrauch verbannen.


Ich behaupte nicht, dass jeder, der diese Begriffe gebraucht, ein Rassist ist – jedoch verletzen sie die Angesprochenen, sind nicht von der jeweiligen Bevölkerungsgruppe gewählt und haben einen klaren abwertenden Ursprung. So wurden ursprünglich versklavte Afrikaner als «N*ger» bezeichnet.

Stellen Sie sich mal vor, Dunkelhäutige würden einen Begriff für Weisse, geprägt durch negative historische Ereignisse, verwenden – und sich darüber empören, wenn sich Weisse darüber ärgern. Ziemlich unangenehm, nicht?

Was ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schicken Sie uns einen Leserbrief an redaktion@stgallen24.ch.

Patrice Ezeogukwu