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Lifestyle
08.07.2021
08.07.2021 09:41 Uhr

Leeres Glück – eine postnatale Depression in Bildern

Bild: Marlies Thurnheer
Marlies Thurnheer hat es mit ihren Bildern in die grösste Foto-Werkschau des Landes geschafft. Sie thematisiert ihre Erfahrungen mit einer Wochenbettdepression. Die St.Galler Fotografin hat mit uns über das Tabuthema gesprochen.

Normalerweise fotografiert die gebürtige Rheintalerin Marlies Thurnheer Menschen in Anzügen, imposante Firmengebäude oder Business-Events für das Ostschweizer Wirtschaftsmagazin «LEADER». Ihre neusten Werke könnten nicht konträrer sein: Sie zeigen eine schwangere Frau, darüber eine Strasse mit tiefen Rissen. Oder einen Säugling und dunkle Äste, die in einer Pfütze Wasser verschwimmen. Die Bilder sind düster, lösen bei manchen Unwohlsein aus – und machen nachdenklich.

Mit ihrer fünfteiligen Bilderserie zum Thema postnataler Depression hat es Marlies Thurnheer an die «Photo Schweiz» geschafft, die grösste Foto-Werkschau des Landes in Zürich. Im Interview spricht die Fotografin über die wohl anspruchsvollste Zeit ihres Lebens.

Bild: Marlies Thurnheer
Bild: Marlies Thurnheer

Marlies Thurnheer, die Fotos unterscheiden sich stark von Ihren anderen Bildern und zeigen sehr persönliche Momente. Was hat Sie dazu bewegt, diese Fotos zu machen und zu veröffentlichen?

Die Bilder sind die Verarbeitung eines persönlichen Erlebnisses. Einen Teil der Bilder habe ich während meiner Krankheit aufgenommen. Die Idee, diese Bilder mit den klassischen, glücklichen Familienbildern zu kombinieren entstand spontan. Ich wollte die ambivalente Gefühlswelt während der postnatalen Depression bildlich darstellen.

Familienbilder sind normalerweise bunt und fröhlich. Ihre sind das Gegenteil. Welche Message sollen sie vermitteln?

Eben genau jene, dass nicht immer alles schön und glücklich ist nach einer Geburt. Und dass eine Mutter ihre Gefühle nicht verstecken muss. Ich habe mich zur Veröffentlichung dieser Bildserie entschieden, da diese Erkrankung kein Tabu mehr sein sollte.

Wie äussert sich eine Schwangerschaftsdepression?

Die Symptome sind vielfältig. Bei mir äusserte sie sich durch eine innere Leere, körperliche und mentale Erschöpfung, Appetit- und Schlaflosigkeit. Es war ein Auf und Ab der Gefühle – schöne Momente mit meinem Baby wechselten sich ab mit einer inneren Leere und dem zermürbenden Gedanken, dass ich keine Verbindung zu meinem Kind aufbauen kann. Ich hatte das Gefühl, meine Erwartungen in der neuen Rolle als Mutter nicht zu erfüllen, was wiederum in Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen resultierte.

Gesellschaftliche Erwartungen?

Es waren vor allem Erwartungen von mir an mich, die aber natürlich von der Gesellschaft geprägt sind. Man sagt, dass eine Geburt das Schönste der Welt ist und sich eine Mutter sofort in sein Kind verliebe, wenn sie es sieht. Ich musste feststellen, dass dieser Mythos nicht immer der Wirklichkeit entspricht und war von meinen Gefühlen enttäuscht.

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Und dann haben Sie sich Hilfe geholt?

Mein Partner hat mich ermutigt, professionelle Unterstützung anzunehmen. Gemeinsam haben wir nach fachspezifischen Angeboten gesucht. Dabei wurde mir bewusst, dass das Angebot in der Schweiz überschaubar ist. Nach einer Wartezeit konnte ich in einer Mutter-Kind-Klinik zur Ruhe kommen. Der Abstand vom Alltag, das Nachholen von Schlaf und die Gespräche mit anderen betroffenen Frauen haben mir sehr geholfen.

Postnatale oder Wochenbett-Depression gilt als Tabuthema. Können Sie sich erklären wieso?

Das hat wieder mit der eigenen Erwartungshaltung zu tun: Man möchte alles richtig machen, möchte den Bedürfnissen des Kindes, der Familie und den eigenen gerecht werden. Wenn es aber nicht so ist, dann schämt man sich und versucht, das zu verstecken.

Von aussen wird einem suggeriert, dass Mutter-Werden das Schönste überhaupt sei – und wenn dem nicht so ist, fühlt man sich unverstanden. Dabei ist die Krankheit weit verbreitet. Gemäss dem «Verein Postnatale Depression Schweiz» sind rund 15 Prozent der Mütter davon betroffen. Ein grosser Teil dieser Frauen leidet still, da sie nicht wissen, dass sie an einer behandelbaren Krankheit leiden.

Nun stellen Sie Ihre Bilder in einer renommierten Ausstellung aus. Was bedeutet Ihnen das?

Es freut mich, dass ich mit diesem Thema, das mir wirklich sehr am Herzen liegt, ausstellen darf. Ich wünsche mir, dass die Menschen dazu angeregt werden, darüber nachzudenken und darüber zu sprechen. Wie erwähnt leiden viele Frauen daran – und mir hat das Sprechen darüber sehr geholfen. Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit und Akzeptanz dafür, dass nach einer Schwangerschaft die Welt nicht immer in Regenbogen-Farben leuchtet.

Was raten Sie Frauen, die Ähnliches durchmachen?

Ich empfehle jeder Frau, die nach einer Geburt ebenfalls mit Symptomen wie Leere oder Ängsten zu kämpfen hat, sich professionelle Hilfe zu holen. Ich bin dankbar, dass ich Unterstützung in Anspruch genommen habe und meine kleine Familie in vollen Zügen geniessen kann.

Ich habe bereits Rückmeldungen von Frauen erhalten, die meine Bilder an der Ausstellung gesehen haben und sich für meinen Mut bedankt haben. Das ist für mich eine der schönsten Wertschätzungen.

Mehr Bilder von Marlies Thurnheer gibt's hier.

Nicht nur Frauen sind betroffen

Wie der Name bereits verrät, beginnt eine postnatale Depression – auch Wochenbettdepression genannt – für gewöhnlich in der Zeit nach der Entbindung, in der Regel ein bis drei Wochen nach der Geburt. Bei einigen Frauen kann sie jedoch erst Monate oder sogar bis zu einem Jahr später auftreten.

Die Wochenbettdepression ist eine psychische Erkrankung, die viele Mütter, aber auch Väter nach der Geburt betrifft. Sie ist gekennzeichnet durch Stimmungstiefs, Hoffnungslosigkeit und soziale Abschottung.

Der Beginn der Depression ist meist schleichend; die Erkrankung wird von Betroffenen und Angehörigen oft erst spät erkannt. Laut neusten Studien sind etwa zehn bis 15 Prozent aller Mütter von einer Wochenbettdepression betroffen. Auch fünf bis zehn Prozent der Väter entwickeln eine postnatale Depression, entweder als Folge der mütterlichen Wochenbettdepression oder unabhängig davon.

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Miryam Koc/stgallen24