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Stadt St. Gallen
25.06.2021
25.06.2021 17:25 Uhr

Politiker streikt vor Union-Gebäude

Remo Daguati: «Überlegungen, wie man den Rückgang von Unternehmensdienstleistungen stoppt, fehlen.»
Remo Daguati: «Überlegungen, wie man den Rückgang von Unternehmensdienstleistungen stoppt, fehlen.» Bild: stgallen24/stz.
137 Millionen Franken soll die neue Bibliothek kosten – und das passt nicht allen. FDP-Politiker Remo Daguati streikt am Freitag gar vor dem Gebäude.

Kanton und Stadt St.Gallen planen zusammen mit den Helvetia-Versicherungen, eine Bibliothek am Standort Union/Blumenmarkt zu errichten. Die gemeinsame Bibliothek wird als «Public Library» – als Bibliothek für alle – konzipiert. Das Projekt ging an Architekten aus Berlin. Kostenpunkt: 137 Millionen Franken.

Kaum ist das Projekt veröffentlicht, schon gibt es die ersten Kritiker. So finden es beispielsweise die Jungfreisinnigen des Kantons falsch, für eine Sanierung gegen 140 Millionen auszugeben. Remo Daguati, FDP-Stadtparlamentarier und Standortexperte, geht noch weiter: Er hält vor dem Union-Gebäude einen «Fridays for smart jobs»-Streik ab. «Ein Bürogebäude mit privatwirtschaftlich wertvollen Arbeitsplätzen an bester Lage soll für das geplante Bibliotheksgebäude einer staatlichen Dauernutzung weichen? Das soll die Innenstadt beleben? Überlegungen, wie man den Rückgang von Unternehmensdienstleistungen stoppt, fehlen! Dagegen wehre ich mich.»

Keine wirtschaftlichen Impulse?

«Gegen Bibliotheken kann man kaum argumentieren – man wird vom politischen Gegner als dumm und unbelesen gebrandmarkt. Dennoch wird ein politischer Diskurs auf uns zukommen, ob und wie unsere Stadt die Sanierung von Museen und Hallenbädern, ein überdimensioniertes Busdepot sowie eine neue Bibliothek finanziell stemmen kann. Sie wird sich mit der neuen Bibliothek nochmals annähernd 50 Millionen Investitionen aufhalsen», sagt Daguati.

Die Mehrheiten hierfür seien in der Stadt aber auf sicher. Ob der Gesamtkanton der stagnierenden, links-grün dominierten Kantonshauptstadt eine neue Bibliothek als kantonale Entwicklungshilfe zur Belebung ihrer Innenstadt gönnt, werde die heissere politische Frage sein. «Denn es könnte sich rächen, dass unser stagnierender Kantonshauptort kaum wirtschaftliche Impulse für sein Umland generiert und seine Erreichbarkeit wo immer nur möglich verringert. Sein Umland ist weder dumm noch unbelesen.»

«St.Gallen verweigert Entwicklung»

Der Politiker ist sich sicher: Die Kantonshauptstadt wird schon bald das Schlusslicht bei der Entwicklung von Bevölkerung und Haushalten in der Ostschweiz übernehmen. Auch wenn in der Schweiz die Jobs im öffentlichen Sektor zunehmen (v.a. im Gesundheitssektor), gelingt es erfolgreichen Städten, parallel zum Staatswachstum ihre wissensbasierten Jobs in den Unternehmensdienstleistungen auszubauen.

Die daraus resultierende Wertschöpfung und Steuerkraft helfen, neue und zusätzliche öffentlichen Aufgaben (oder eben Prestige-Bauten wie einen neue Bibliothek) zu finanzieren. «Die Stadt St.Gallen aber verweigert sich dieser Entwicklung!»

«Wir haben sogar eine rückläufige Entwicklung bei den Unternehmensdienstleistungen. Trotz HSG und OST vor Ort, wo die Talente für ebensolche Funktionen ausgebildet werden. Anstatt Raum für wissensbasierte Jobs zu schaffen, verdrängt St.Gallen Unternehmensfunktionen, um noch mehr Raum für öffentliche, staatliche Nutzungen zu schaffen. Begründet wird dies, man schaffe so Impulse für die Stadtentwicklung», schüttelt Remo Daguati den Kopf.

  • Studie Wohnstandort Kanton St.Gallen, Fahrländer Partner, 2020 ( www.hev-sg.ch/studie-wohnstandort) Bild: zVg
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  • Studie Wohnstandort Stadt St.Gallen, Fahrländer Partner, 2018 ( www.hev-stgallen.ch/studie-wohnstandort )​ Bild: zVg
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«Sinnbild für Fehlentwicklung»

Die neue Bibliothek sei nicht Ursache, aber ein Sinnbild für eine fatale Entwicklung in der Stadt. Staatlich genutzte Gebäude würden sich immer tiefer in St.Gallen fressen. An besten Lagen verdrängen sie damit Raum für Wertschöpfung. Es gelinge St.Gallen nicht, an zentralen Lagen Mischnutzungen zu konzipieren, die ein Miteinander von Wirtschaft und öffentlichen Funktionen ermöglichen, ist Remo Daguati überzeugt.

Es gelinge auch nicht, als Kompensation für diese einseitige Entwicklung aktiv Räume für die Wirtschaft mit attraktiven Raum- und Arbeitsplatzkonzepten an bahnhofnahen Lagen anzubieten. «Die Wirtschaftsflächen werden an den Stadtrand verdrängt. Dafür wächst der staatliche und staatsnahe Sektor in St.Gallen im Kern der Stadt ungebremst. Job um Job, Haus um Haus. Ein Teufelskreis!»

«Fridays for smart jobs»

Ab heute Freitag bis zur Sommerpause tritt Remo Daguati in seinen «Fridays for smart jobs»-Streik – jeweils ab 14 Uhr direkt vor dem Union-Gebäude.

«Nicht etwa, weil ich gegen Bibliotheken bin. Sondern weil es mich fuchst, dass wir keine Sorge tragen zur Entwicklung unseres Dienstleistungsstandorts St.Gallen – und damit ausgerechnet unsere Ressourcenkraft schmälern, die es für ein Stemmen von öffentlichen Aufgaben braucht.»

Seine Forderungen: Wie und wo kompensieren Stadt und Kanton attraktive Büroflächen für smarte Jobs im Herzen unserer Stadt, wenn sie mit Staatsbauten die freie Wirtschaft verdrängen? Wo geben die Stadt wie Kanton als Realersatz bestehende Verwaltungsgebäude auf? Wie stoppen wir den Verlust unserer Unternehmensdienstleistungen?

«Anstatt Raum für wissensbasierte Jobs zu schaffen, verdrängt St.Gallen Unternehmen.» Bild: stgallen24/stz.
mik/pd