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Wirtschaft
05.04.2021
05.04.2021 15:03 Uhr

Venture Capital lässt Innovation gedeihen

Urs Häusler, Geschäftsführer valantic Business Analytics Swiss AG Bild: Marlies Thurnheer
Investitionen in Start-ups sind in: Wurden 2012 vielversprechende Jungunternehmen noch mit 300 Millionen Franken finanziert, waren es 2020 bereits 2,2 Milliarden.

Kapitalismus ist ein wunderbar einfaches Prinzip. Mit dem Kauf von Aktien dokumentiert man den Glauben an die Geschäftsidee einer Firma, und wenn man richtig liegt, zahlt sich das in Form von Dividenden und einem höheren Aktienkurs aus. Wer auf bestandene Wirtschaftsgrössen setzt, geht bei seiner Wette ein überschaubares Risiko ein – dementsprechend ist die Belohnung im Erfolgsfall meistens auch überschaubar. Anders sieht es aus, wenn man auf Firmen setzt, die gerade erst gegründet wurden, um Produkte zu vermarkten, die es erst als Idee gibt. Wer hier investiert, bewegt sich im Hochrisiko-Bereich; die selten verwendete deutsche Entsprechung von Venture Capital heisst nicht ohne Grund «Wagniskapital».

In Start-ups zu investieren, die vielleicht «das nächste grosse Ding» anschieben, wahrscheinlicher aber nach mühsamer Aufbauarbeit sang- und klanglos eingehen, ist nicht jedermanns Sache. «Privatleute sollten in Start-ups nur investieren, wenn sie das dafür benutzte Geld wirklich nicht brauchen und nicht existentiell betroffen wären, wenn sie alles davon verlieren», betont Andreas Göldi, «die meisten Start-ups scheitern.» Göldi ist selbst Mitgründer einiger erfolgreicher Start-ups. Heute finanziert er als einer von vier Partnern des Digital Tech Fund von btov Partners vielversprechende Jungunternehmen. btov mit Niederlassungen in St.Gallen, Berlin, München und Luxembourg ist eine der grössten Venture- Capital-Firmen in Europa und managt Investitionen von über 500 Millionen Euro.

Top oder flop

«Investitionen in Start-ups sind meistens top oder flop», hält Urs Häusler fest. «Es heisst ja ‹Wagniskapital› – wenn es funktioniert, hat man einen hohen Return auf seinen Einsatz. Aber oft kann ein Totalverlust des Investments resultieren.» Der Geschäftsführer des Digitalisierungspezialisten Valantic engagiert sich auch als Präsident der Stiftung Startfeld (siehe separaten Artikel) und ist Mitgründer des Verbands Schweizer Start-ups. Die Stiftung hilft Start-ups in einer sehr frühen Phase, erste Finanzierungen auf die Beine zu stellen. «Da besteht ein grosser Unterschied zu klassischen Anlagen: Man hat keine Zahlen aus der Vergangenheit, das neu entstehende Unternehmen hat noch keinen Markt und keine Umsätze. Aber: Man glaubt an dessen Zukunft.» Diese Zukunft ist selten gleich morgen. Auch im günstigen Fall brauche ein Investor einen langen Zeithorizont, sagt Andreas Göldi, weil Start-ups im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre benötigten, um erfolgreich zu werden. So lange ist das Investment illiquid, «man kann nicht einfach die Anteile verkaufen, wenn es der Firma schlechter geht – anders als etwa bei Aktien, die man an der Börse erwirbt.» Dadurch ist ein Start-up-Investment sehr risikobehaftet, umgekehrt sind die Gewinnmöglichkeit im Erfolgsfall sehr viel grösser. «Erfolgreiche Start-ups können ein Investment mit einem Faktor zehn oder mehr zurückzahlen», erklärt Göldi.

Dieser Fall tritt aber nicht so oft ein. Urs Häusler rechnet vor, dass gut 50 Prozent der Start-ups eingehen und weitere 40 Prozent zwar nicht gerade sterben, aber mehr oder weniger erfolglos herumdümpeln. Nur zehn Prozent hätten wirklich Erfolg. «Ein professioneller Venture Capitalist investiert deshalb schon aus rein statistischen Überlegungen nur in Unternehmen, von denen er glaubt, dass sie das Zehnfache der Investition zurückbringen.» Aufgrund des hohen Ausfallrisikos machen die meisten privaten Start-up-Investoren solche Investments «mit einem sehr überschaubaren Teil ihres gesamten Portfolios», sagt Andreas Göldi, und macht eine weitere Einschränkung: «Am besten investiert man in Themen, von denen man etwas versteht. Es gibt schon genug Unsicherheiten bei Start-ups, und darum macht ein gewisses Sachverständnis ein erfolgreiches Investment wahrscheinlicher.» Aus Sicht von Urs Häusler sind in einer frühen Phase zwei Faktoren für ein Investment ausschlaggebend. «Man glaubt an ein Team, daran, dass diese Leute umsetzen können, was sie sagen. Und man glaubt, dass das Start-up eine Lösung für ein wirkliches Problem hat und ein genügend grosser Markt da ist, der diese Lösung sucht.»

Nicht zu viele Investoren

Mit ein paar hundert Franken lässt sich ein Investment in ein Start-up-Investment kaum realisieren. Eine sinnvolle Mindest- Ticket-Grösse sei ab 20 000, manchmal auch 50 000 Franken, sagt Urs Häusler. Sich ein breit diversifiziertes Portfolio anzulegen, liege bei diesen Grössenordnungen nicht für jedermann drin. Das sei aber durchaus auch im Interesse eines Start-ups: «Es ist nicht praktikabel, 150 Investoren im Unternehmen zu haben, die mit 5000 Franken engagiert sind.» Der Aufwand für das Start-up werde sonst zu gross: «Alle Investoren haben ein Informationsrecht, alle müssen in Aktionärsbindungsverträge aufgenommen werden, was Änderungen der Verträge und Nachfolgefinanzierungen sehr kompliziert macht.»

Deshalb müsse ein Start-up auch darauf achten, dass es am Anfang nicht ein zu breit gestreutes Aktionariat habe und jedem, der einen kleinen Beitrag geleistet habe, einen kleinen Anteil gebe. «Das schreckt dann nämlich professionelle Investoren ab», sagt Urs Häusler. Hingegen würden sich professionelle Investoren wünschen, dass das Gründerteam selbst möglichst lange eine Mehrheit am eigenen Unternehmen halte: «Gründer sollten maximal involviert sein, also am meisten zu verlieren haben, wenn es nicht funktioniert. Das ist die beste Motivation.» In frühen Finanzierungsrunden sind die Investoren oft Business Angel – Investoren, die nicht nur Geld ins Unternehmen stecken, sondern «Smart Money», wie Urs Häusler erläutert: «Business Angel können am Anfang auch wertvolle Sparringpartner für die Gründer sein.» Solche Investoren brächten neben Geld auch fachliches Know-how aus dem Zielmarkt des Start-ups mit. «Manchmal haben sie etwas Ähnliches schon selbst gemacht, oder sie haben ein grosses Netzwerk und kennen potentielle Kunden, Partner und Zulieferanten.»

Ehemalige Gründer als Investoren

Auffallend oft kommen Investments in Start-ups von erfolgreichen früheren Gründern, die ein Vermögen gemacht haben. Sind das die idealtypischen Investoren? «Nicht notwendigerweise », meint Andreas Göldi. «Frühere Gründer haben den Vorteil, dass sie die vielen Aufs und Abs der Startup- Existenz aus eigener Erfahrung kennen und damit tendenziell mehr Empathie mit heutigen Gründern haben.» Sie würden nicht so schnell nervös, wenn ein Start-up mal durch eine schwierige Phase gehe. Aber: «Frühere Gründer tun sich manchmal schwer, distanziert genug zu bleiben. Sie verlieben sich öfter in ein Konzept oder eine Technologie statt in das finanzielle Potential eines Start-ups.» Investment-Entscheidungen bei btov würden genau aus diesem Grund von einem Team mit vielfältigem Hintergrund und unterschiedlichen Perspektiven gefällt. «Aber praktisch alle Teammitglieder bei btov haben irgendwann in ihrer Karriere eigene Erfahrung in Start-ups oder als Gründer gesammelt », erklärt Göldi. «Das ist schon eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis des Sektors.» Göldi sammelte seine ersten Erfahrungen als Gründer 1995, als er mit zwei weiteren HSG-Absolventen, Hans Meli und Philipp Lämmlin, die Delta Consulting gründete. Daraus wurde Namics, heute eine der führenden Digital-Agenturen im deutschsprachigen Raum und Teil der global operierenden Dentsu Aegis Gruppe. «Die Firma hatten wir mit relativ bescheidenen Mitteln aus eigenen Ersparnissen und Beiträgen von Freunden und Familienmitgliedern finanziert», erinnert sich Göldi. «Später kam auch externes Kapital dazu, aber da ist die Firma schon schnell gewachsen und war profitabel.»

Nur Absagen

Die nächsten Firmen gründete Andreas Göldi in den USA, diese finanzierte er in der jeweiligen Frühphase mit Geld von Business Angels und dann mit Investitionen von Venture- Capital-Firmen. «Es ist für meine heutige Arbeit sehr nützlich, diese verschiedenen Methoden aus eigener Erfahrung zu kennen und auch die Psychologie heutiger Gründer zu verstehen», sagt Andreas Göldi. Als Gründer habe er bei Pitches vielleicht 90 oder 100 Venture-Capital-Firmen kennen gelernt, «bis auf vier oder fünf davon habe ich nur Absagen bekommen.» Daran denke er oft, wenn er heute selbst Präsentationen von Start-ups anhöre, um Investmententscheidungen zu fällen. «Ich bemühe mich immer, auch bei Absagen eine ausführliche Begründung mitzuliefern, denn daraus können die Gründerteams immerhin lernen.»

Den einen oder anderen Entscheid würden Investoren im Nachhinein gerne anders fällen. Das geht auch Andreas Göldi so: «Klar, Fehlentscheide passieren immer wieder und gehören zum Handwerk eines Start-up-Investors dazu. Wir fällen unsere Entscheidungen mit sehr limitierter und unscharfer Information, und da liegt man zwangsläufig immer wieder mal daneben.» Göldi versucht, mit seinem Team dazu zu lernen und analysiert regelmässig Firmen, die von btov abgelehnt wurden, sich dann aber erfolgreich entwickelt haben. «Wir fragen uns, ob wir falsch lagen und warum, oder ob wir wieder gleich entscheiden würden.» So könne man über die Zeit seine Kriterien schärfen. «Unser interner Klassiker ist, dass wir 2010 ein Investment in das inzwischen sehr erfolgreiche Uber abgelehnt haben, weil wir den Markt für solche neuartigen Taxidienste als sehr klein erachtet haben.»

Kapitalbedarf wird unterschätzt

Wie viel Kapital ein Start-up in einer bestimmten Phase benötigt, wissen die Gründer selbst oft nicht. «Die Finanzpläne eines jungen Start-ups sind natürlich ein Stück weit Fiktion, eher ein Ausdruck der Weltsicht und Ambition eines Gründerteams als eine Vorhersage der Zukunft», stellt Andreas Göldi fest. «Die meisten Start-ups unterschätzen am Anfang den Kapitalbedarf stark.» Investoren orientieren sich dann auch an Erfahrungswerten: «Man weiss ungefähr, wie viel Kapital in welcher zeitlichen Staffelung man braucht, um beispielsweise eine international erfolgreiche Softwarefirma zu bauen.» Vergleicht man das in der Schweiz investierte Venture Capital mit den Nachbarn, ergibt sich ein schmeichelhaftes Bild. «Die Schweiz spielt angesichts der Grösse des Landes eine sehr wichtige Rolle», sagt Andreas Göldi, «in Deutschland wird nur dreieinhalb mal so viel Venture Capital investiert, in Österreich weniger als zehn Prozent des Schweizer Volumens.» Die Schweiz habe eine sehr starke Stellung in Life Sciences, Medizintechnik und IT-Themen wie KI, Fintech und Robotik. Dennoch: Trotz beträchtlichem Wachstum an Venture Capital habe die Schweiz viel Luft nach oben. «Im globalen Vergleich liegen wir noch deutlich zurück hinter den amerikanischen Zentren wie Silicon Valley und Boston und auch deutlich hinter Israel.» In der Schweiz liessen sich inzwischen auch grössere, kapitalintensivere Finanzierungsrunden realisieren, allerdings komme das Geld dafür dann meistens aus dem Ausland. «Schweizer VC-Firmen sind nach wie vor auf frühere Phasen mit kleineren Investments fokussiert», sagt Andreas Göldi. Das liege nicht zuletzt daran, dass die nationale Kapitalbasis sich schwer tue mit VC-Investments. «Schweizer Pensionskassen investieren noch fast gar nicht in Venture Capital, und das ist ein echter Standortnachteil.»

Potential für die Top-Liga

Als Kenner der globalen Start-up-Szene findet Andreas Göldi lobende Worte für das Geschehen vor seiner Haustüre: «Die Ostschweiz entwickelt sich sehr gut. Hier gibt es viel Kompetenz in attraktiven Sektoren wie Materialtechnologie, Medizintechnik und auch ICT.» Das Ökosystem wachse immer mehr, «nicht zuletzt getrieben durch die hervorragende Arbeit, die unter anderem bei Startfeld und Startup@ HSG geleistet wird.» Mit der HSG, der Empa, der OST und den verschiedenen auch international erfolgreichen Technologiefirmen wie Frontify gebe es einen Cluster, der sehr viel Potential für weiteres Wachstum biete. «Auch auf der Investorenseite entwickeln sich die Dinge sehr positiv mit immer mehr Leuten, die zum Beispiel als Angel-Investoren tätig werden.»
Dem Lob schiebt Göldi aber postwended ein paar mahnende Worte hinterher: Er würde sich mehr Bereitschaft zur übergreifenden Kooperation statt Eifersüchteleien wünschen. «Berührungsängste zu Zürich helfen nicht. In Silicon Valley diskutiert niemand, ob ein Start-up in San Francisco oder San José zu Hause ist, das ist einfach eine Einheit. Und das ist etwa die gleiche geographische Distanz wie Zürich– St.Gallen.» Auf dieser Achse mit all den international führenden Bildungsinstituten und starken Firmen gebe es eine kritische Masse an Innovationskraft, die in der globalen Top-Liga mitspielen könne – «wenn wir nur wollen.»

Cornelia Gut, Geschäftsführerin Stiftung Startfeld Bild: Marlies Thurnheer

Anschubfinanzierung in einer frühen Phase (Stiftung Startfeld)

Der Name Startfeld ist Raum St.Gallen längst ein Synonym für die Start-up-Szene geworden. Im Startfeld verknüpfen sich genau genommen mehrere Handlungsstränge: Der 2010 gegründete Verein Startfeld mit Geschäftsführer Peter Frischknecht hilft Unternehmen in der Gründungsphase unter anderem mit Beratungen durch gestandene Coaches aus Fachgebieten wie Marketing, Recht oder Finanzen. Seit 2010 haben weit über 1000 Start-ups von diesem Angebot profitiert. Startfeld ist auch ein Innovationszentrum, nach Anfängen im Lerchenfeld konnten 2016 Räumlichkeiten im Tagblatt-Komplex gleich neben der Empa übernommen werden. Inzwischen sind hier auf über 6000 Quadratmetern über 30 Firmen ansässig. 2011 wurde mit fünf Millionen Franken von der St.Galler Kantonalbank die Stiftung Startfeld gegründet. Als 2020 die ursprünglich gestiftete Stumme fast vollständig an Start-ups vergeben war, hat die SGKB mit weiteren fünf Millionen Franken das Stiftungskapital verdoppelt. Die Stiftung mit Geschäftsführerin Cornelia Gut (Bild) ist Anlaufstelle für Start-ups in einer frühen Phase, die eine erste Finanzierung über «Friends, Fools and Family» hinaus anstreben.

Nicht zu früh fremdfinanzeren

Ursprünglich konnte die Stiftung bis zu 300 000 Franken als Darlehen sprechen, inzwischen ist es möglich, diese Summe auch als Equity, als Beteiligung am Start-up, zu sprechen, wie Stiftungsratspräsident Urs Häusler erklärt. Er empfiehlt Start-ups, möglichst lange ohne Fremdfinanzierung auszukommen: «Die Technologie, die es braucht, um ein Unternehmen zu starten, war noch nie so günstig», sagt Häusler. Erst, wenn das Start-up einen Prototypen, ein Minimum Viable Product, entwickelt oder ein erstes Produkt kreiert habe, sollte es Fremdkapital aufnehmen. Mit der ersten Finanzierungsrunde könne das Unternehmen den Markteintritt und Kundenwachstum realisieren, Geld ins Marketing investieren und zusätzliche Programmierer und Sales Mitarbeiter anstellen und das Produkt schneller entwickeln. Wenn das funktioniere, dann werden neue und grössere Finanzierungsrunden für die weitere Skalierung und Internationalisierung genutzt. «Es lohnt sich, Finanzierungsrunden erst zu diesen Zeitpunkten zu machen, weil dann die Bewertung dessen, was man schon erreicht hat, höher ist», sagt Urs Häusler. Denn in der Regel gebe das Start-up für das investierte Kapital einen Anteil von der theoretischen Bewertung des Unternehmens ab: «Wenn das Unternehmen 2,5 Millionen Franken braucht und es vor der Finanzierung mit zehn Millionen Franken bewertet wird, gibt es 20 Prozent vom entstandenen Firmenwert nach der Finanzierung an die Investoren ab.»

Professioneller Pitch

Um an eine Anschubfinanzierung der Stiftung Startfeld zu kommen, muss ein Start-up seine Vision und sein Geschäftsmodell in einem professionellen Pitch darlegen. Ein Pitch Deck ausarbeiten, einen Businessplan auf den Punkt bringen oder einen Marketingplan formulieren ist für viele Jungunternehmer Neuland, weshalb ihnen das Mentoring- Programm im Startfeld mit gutem Rat beiseite steht. Der Stiftungsrat wird schon vor einem Pitch ausführlich mit Businessplan und Finanzkennzahlen dokumentiert, am Pitch selbst hat das Start-up dann 20 Minuten Zeit, sich zu präsentieren und wird dann rund 30 Minuten zum Case befragt. Der Stiftungsrat berät sich anschliessend und eröffnet den Gründern weniger als eine Stunde nach ihrer Präsentation, ob ein Investment gesprochen wird – oder warum dies nicht der Fall ist. Das Investment kann auch von gewissen Bedingungen abhängig gemacht werden, beispielsweise der Ergänzung des Teams mit einem bestimmten Spezialisten. Oft benötigt ein Jungunternehmen deutlich mehr als 300 000 Franken für die nächste Phase. Dann spricht die Stiftung Startfeld ihren Beitrag unter dem Vorbehalt, dass weitere Investoren gefunden werden. Das hilft diesen Start-ups dann sehr bei der weiteren Investorensuche, denn die Zusage der Stiftung Startfeld gilt inzwischen als ein Gütesiegel, wie Urs Häusler darlegt: «Den ersten Investor zu gewinnen ist immer schwieriger als den dritten und vierten zu überzeugen.»

Andreas Göldi, Partner bei btov Partners Bild: Marlies Thurnheer

Lobbying für Start-ups
Rahmenbedingungen verbessern

«Ein Start-up zu gründen ist mit einer Leidensgeschichte verbunden», sagt Urs Häusler und vergleicht die Gründung mit der Fahrt auf einer Achterbahn. «Wenn man wüsste, was alles passieren kann, würde man es nicht machen – zum Glück weiss man es nicht und macht es.» Wer bei Start-ups sofort an Milliardäre wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg denkt, liege falsch: «Es sind junge Leute, die ihr Erspartes investieren, nie Ferien machen, am Schluss vielleicht mit nichts dastehen und nicht einmal Arbeitslosengeld bekommen.» Tatsächlich sind Start-up-Gründer gesetzlich gesehen Miteigentümer ihrer Firma und in leitender Funktion tätig. Sie müssen zwar in die Arbeitslosenkasse einzahlen – sind aber nicht bezugsberechtigt. «Da legen wir uns in der Schweiz selbst Steine in den Weg», stellt Urs Häusler fest, «wir brauchen noch bessere Rahmenbedingungen. » Häusler hat deshalb die Verbände Swiss Startup Association und Swiss Finance Startups mitgegründet, um als Sprachrohr der Szene die Politik für die Bedürfnisse der Start-ups zu sensibilisieren. Das ist nicht nur Selbstzweck, wie Häusler betont: «Es ist wichtig für die Schweiz, dass die Start-ups funktionieren, weil in Zukunft mehr Arbeitsplätze so geschaffen werden als auf dem traditionellen Weg.» Unternehmen würden heute anders gebaut als noch vor 20 oder 100 Jahren. «Durch das Internet ist die Konkurrenz global geworden.» Noch schaffe es Europa nicht, stark zu sein – «wir werden zwischen den USA und Asien zerdrückt. Alle Big Tech Companies kommen von dort.»

Keine Corona-Hilfe für Start-ups

Seit den letzten Wahlen gebe es in Bern mehr Leute mit Digitalisierungs-Know-how, hält Häusler fest, und nennt Politikerinnen und Politiker wie Marcel Dobler (FDP/SG), Judith Bellaïche (GLP/ZH), Jacqueline Badran (SP/ZH) oder Andri Silberschmidt (FDP/ZH). Das weitherum aber immer noch ein traditionelles Wirtschaftsbild dominiere, habe sich gezeigt, als bei den vielfältigen Corona-Hilfsmassnahmen die Start-ups schlicht vergessen wurden. Dass althergebrachte Betrachtungsweisen bei Start-ups nicht funktionieren, zeigt sich immer noch oft bei der falschen Unternehmensbewertung durch Steuerbehörden, die Start-ups teilweise zum Verkehrswert der letzten Finanzierungsrunde bewerten. Daraus ergeben sich unverhältnismässig hohe Vermögenssteuern für die Gründer und Business Angels sowie Einkommens- und Vermögenssteuern bei Mitarbeiterbeteiligungen auf rein theoretische Vermögenswerte, die bei über 50 Prozent der Start-ups nie erreicht werden. So dass am Schluss nur das Steueramt Geld am Start-up verdient hat. «Die Gründer müssten Anteile vom Unternehmen verkaufen, um Steuern zu zahlen, obwohl der Wert gar noch nicht realisiert ist.» In anderen Ländern, etwa dem Vereinigten Königreich, können Business Angels Investitionen in Start-ups steuerlich abziehen.

Brain-Dump verhindern

Start-ups können oft keinen Marktlohn zahlen, darum werden wichtige Mitarbeiter am Unternehmen beteiligt. Für die Steuerbehörde ist das einkommens- und vermögenssteuerpflichtig. Wenn nun ein Start-up für eine Arbeitsbewilligung ein Drittstaaten-Kontingent beansprucht, um etwa ETH-Absolventen aus den USA anzustellen, dann will das Amt für Arbeit Lohndumping verhindern und rechnet aus, was ein ETH-Absolvent verdienen müsste – wesentlich mehr, als das Start-up zahlen kann. Den Ausgleich durch Anteile an der Firma lässt ein Amt für Arbeit im Widerspruch zu einer Steuerbehörde nicht gelten. Wird deshalb die Arbeitsbewilligung nicht erteilt, müssen Leute, die hier mit Steuergeldern ausgebildet wurden, das Land verlassen. «Ein Brain-Dump», ärgert sich Urs Häusler, «es ist idiotisch, diese Leute wieder gehen zu lassen, obwohl wir das Know-how bei uns brauchen. Sie nehmen niemandem einen Arbeitsplatz weg, sondern generieren vielmehr weitere Arbeitsplätze.»

Dieser Text von Philipp Landmark ist aus der LEADER Ausgabe März 2021. Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch.

Philipp Landmark