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Wirtschaft
03.04.2021
04.04.2021 21:57 Uhr

Übergabe nach über sechs Jahrzehnten

Wolf und Caroline Studer: Abschiednehmen fällt nie leicht. Bild: zVg
Anfang 2021 ging der St.Galler Kosmetikhersteller M. Opitz & Co. AG mit der Eigenmarke Mila d’Opiz ganz in die Hände von CEO Caroline Studer über: Patron Wolf Studer verkaufte sämtliche Aktien an die dritte Familiengeneration.

2020 war «dank» Corona für viele Betriebe ein Schicksalsjahr. So auch für die M. Opitz & Co. AG aus St.Gallen: Inhaber und Verwaltungsratspräsident Wolf Studer (*1930) musste die – inoffizielle – Führung coronabedingt abgeben. Mit seinen 90 Jahren gehört der Seniorchef zur Risikogruppe Nummer 1, was zur Folge hatte, dass Studer 2020 grossmehrheitlich gezwungen war, zu Hause zu bleiben und nicht mehr, wie vorher üblich, täglich in sein Geschäft gehen konnte.

Corona als fruchtbarer Boden

«Es war ein hartes Ringen, die bestmögliche Lösung für die Übernahme zu finden», erinnert sich Tochter Caroline Studer. «Hat Papa vor Corona noch praktisch alle Entscheide mitgeprägt, war das mit Corona nun plötzlich nicht mehr möglich.» Wenn man der Pandemie etwas Gutes abgewinnen will, dann das: Sie war ein fruchtbarer Boden, die Geschicke der Firma neu zu organisieren und sie für die Zukunft aufzustellen. «Mein Vater war schlicht gezwungen, immer mehr loszulassen, auch wenn ihm das schwergefallen ist.»
Die Umstände liessen aber keinen anderen Weg zu. So kam auch die Übergabe der Aktien an Tochter Caroline zur Sprache, was vor Corona noch nicht kein Thema war. «Wie in so vielen Unternehmen klafften auch bei uns die Vorstellungen des Patrons und die Bewertung der Bank weit auseinander », so Caroline Studer. «Schlussendlich haben wir uns aber gefunden.» Und so ist die Enkelin der Firmengründerin Mila Opitz nun seit Januar im Besitz von sämtlichen M.-Opitz-&- Co.-AG-Aktien.

Bank zog mit

Dass Caroline Studer künftig alle Aktien halten soll, war Bedingung der Bank. «Zur Diskussion stand auch ein externer Investor, der bei uns einsteigen könnte», erläutert Caroline Studer. «Allerdings war es – auch wieder wegen Corona – 2020 praktisch unmöglich, jemanden zu finden, der einen Millionenbetrag in ein Kosmetikunternehmen stecken wollte. » Die St.Galler Kantonalbank hat sich dann bereit erklärt, bei der Übernahme durch Studer mitzuziehen – unter der Bedingung, dass sie alle Aktien erwerbe. «Das hat mich sehr gefreut, zeigt es doch, dass die Bank an mich glaubt», sagt Studer. «Dafür gebührt der KB ein grosses Dankeschön, ist es doch nicht selbstverständlich, in diesen Zeiten einen produzierenden Betrieb so zu stärken.» Natürlich hat die KB nicht «einfach so» mitgemacht, «unter anderem mussten wir einen Fünf-Jahres-Businessplan vorlegen ». Und auch bei der Preisfindung mit Vater Wolf blieb die Bank hart. Dann hat man sich aber – im Guten – gefunden, und per Anfang Jahr gingen Aktien und Schlüssel an Caroline Studer über. Studer hat noch eine Schwester, die – ebenso wenig wie der Seniorchef – nun keine Aktien mehr hält. «Auch für sie wurde aber eine faire Lösung gefunden.»

Ende gut, alles gut

Das Schwierigste bei dem Übergabeprozess war – wie in so vielen Unternehmen – das Abnabeln des Seniorchefs. «Ich glaube, ohne Corona wäre mein Vater auch noch mit über 90 der Patron geblieben.» Kein Wunder, wenn man sich ein Leben lang gewöhnt ist, die Zügel in der Hand zu halten. «Papa musste mit 26 die Geschäftsführung von meiner Grossmutter übernehmen, die damals erkrankte. Der Erfolg der M. Opitz & Co. AG ist untrennbar mit ihm und meiner Mutter Silva verbunden, sie haben den Betrieb ausgebaut sowie die Marke Mila d’Opiz gross und international erfolgreich gemacht. » Da fällt das Abschiednehmen nicht leicht. «Erfreulicherweise ist es aber so, dass mein Vater seit dem Moment der Übergabe tatsächlich loslassen konnte. Wir sprechen zwar noch ab und zu übers Geschäft, aber nur en passant.» Das Verhältnis habe sich merklich entspannt, es sei ihm wohl auch eine Last von den Schultern genommen worden. Caroline Studer ist seit 2008 in dem Familienunternehmen tätig, seit 2014 als CEO. Nichtsdestotrotz blieb Vater Wolf als Mehrheitsaktionär und Verwaltungsratspräsident die – mehr oder weniger – graue Eminenz im Betrieb, die sich nicht scheute, auch bei Detailfragen mitzureden, im Gegenteil: «Er war ein typischer Patron, der immer wusste, was richtig war und was nicht». Deshalb sei es umso schöner zu erleben, dass er jetzt, wo der Abnabelungsschritt nolens volens vollzogen werden musste, wider alle Befürchtungen glücklich und zufrieden sei. «Hätten wir beide das geahnt, hätten wir diesen Schritt wohl schon vor Jahren gemacht.» Caroline Studer will nun noch mehr «Vollgas» geben. Dazu hat sie bereits zwei wichtige Weichen gestellt: Zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter hat der ganze bisherige Verwaltungsrat aus Altersgründen demissioniert. Studer als Präsidentin hat nun den St.Galler Wirtschaftsanwalt Markus Neff in den Verwaltungsrat berufen, der sie in der Nachfolgeplanung begleitet hat und in der der M. Opitz & Co. AG unterstützen wird. «Ich habe den Verwaltungsrat bewusst verschlankt und will mit der bisherigen, bewährten Geschäftsleitung sowie der voll motivierten Belegschaft nun meine Firma vorantreiben.» Ein zweites Schwergewicht setzt Studer im weiteren Aufbau der Auslandsmärkte, wobei auch der Markt Schweiz weiterhin attraktive bleibe.

Die Appenzellerin Emilie Opitz-Altherr, genannt Mila, war 1938 35 Jahre jung und steckte voller Ideen. Ihre eigenen Hautprobleme bekämpfte sie nicht einfach mit den Mitteln, die der damals bescheidene Markt bot. Deshalb entschied sie sich kurzerhand,selbst mit pflegenden Substanzen zu experimentieren.Sie entwickelte eine bahnbrechende Neuheit: eine Hormoncrème. Das war die Grundlage für ein eigenes Kosmetikunternehmen mit dem Namen«Milopa» – eine Kurzform für Mila Opitz-Altherr. 1945 wurde die Firma ins St.Galler Handelsregister eingetragen und die erste Fabrik gebaut. Bereits 1950 exportierte die Firma die ersten Produkte ins Ausland.1965 stand das Unternehmen vor einem Namensstreit. Der Babynahrungshersteller Milupa störte sich an der Ähnlichkeit des Firmennamens Milopa. Diese setzte nicht auf Anwälte, sondern auf die eigene Kreativität– und taufte sich kurzerhand um. Und zwar in«Mila d'Opiz»: ein Name, der viel mehr Glamour und Internationalität ausstrahlt. 1986 erfolgte der Umzug in einen Neubau, ebenfalls in St.Gallen. Die neue Infrastruktur erlaubte einen langen ersehnten Ausbau:die Produktion im Auftrag von Drittfirmen.1951 trat Silva Opitz, die Tochter der Gründerin, in die Firma ein und entwickelte dieses zusammen mit ihrem Mann Wolf Studer weiter. 2008 war dann die Reihe an der dritten Generation: Caroline Studer entschied sich, das Erbe weiterzutragen, und war zunächst für Marketing und Verkauf verantwortlich. Seit 2014 steht sie als CEO an der Spitze des Unternehmens.

Caroline Studer (*1964) hat zunächst eine Ausbildung zur Primarlehrerin absolviert und danach die HSG mit dem Bachelor abgeschlossen. Nach einigen Jahren als Lehrerin verbrachte sie ein Jahr in Südafrika und war dort an der Reorganisation der Verkaufsabteilung eines Unternehmens beteiligt. Zurück in der Schweiz trat Studer ins Familienunternehmen im Bereich Personalabteilung und Einkauf ein. Nach sieben Jahren folgte eine Neuorientierung: Die Mutter von zwei Kindern kehrte zurück ins Klassenzimmer und absolvierte nebenberuflich ein Psychologiestudium. Seit 2008 steht Caroline Studer wieder im Dienst von Mila d'Opiz.

Dieser Text ist aus der LEADER Ausgabe März 2021. Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch.

Stephan Ziegler