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Stadt St. Gallen
29.03.2021
01.04.2021 11:51 Uhr

«Unorte», die gemieden werden – Fotos aus der Psychiatrie

Fotograf Willi Keller vor einem seiner ästhetischen und dennoch verstörenden Ausstellungsbilder Bild: zVg
Mit einem «Open Day» wurde am Sonntag im Museum im Lagerhaus St.Gallen die Ausstellung des Marbacher Fotografen Willi Keller «Durch die Linse» eröffnet. Zusammen mit Industriefotograf Roland Schneider gibt er intime Einblicke in den Alltag einer psychiatrischen Klinik.

Anders als eine repräsentative Klinikdokumentation bieten die Fotografien von Willi Keller und Roland Schneider einen einzigartigen intimen Einblick in den Psychiatriealltag. Während der Künstler Willi Keller (*1944) 1970 als Pfleger in der Klinik Burghölzli in Zürich tätig ist, befindet sich der bekannte Industriefotograf Roland Schneider (*1939) im Sommer 1987 in einer persönlichen Krise als Patient in der Kantonalen Psychiatrischen Klinik Solothurn.

Die Kamera wird zum Bindeglied

Beide nutzen ihren professionellen Fotografenblick durch die Linse, uns die Lebenssituation in der Klinik und die Patienten näher zu bringen. Die Kamera wird zum Bindeglied zwischen Fotografen und Patient und steht zugleich zwischen ihnen. Sie schafft Nähe und verleiht dem Fotografen, der hinter der Kamera ohne Blickkontakt zu den Porträtierten bleibt, doch Distanz.

Von vielen Patienten schoss Willi Keller das letzte Bild - denn bei einer Brandkatastrophe kamen 22 Patienten ums Leben Bild: zVg

Anders als Willi Keller kommt Roland Schneider den Patienten nicht nur sehr nahe, sondern ist selber einer von ihnen. Berichtet Willi Keller in seiner Fotoserie über den Klinikalltag, den er mit seinen Pflegebefohlenen teilt, spricht Roland Schneider vom Erlebten des selbst Betroffenen. Ist diese Verschiebung der Perspektive im Bild sichtbar? Lassen sich Unterschiede innerer Distanz erkennen?

Beengtheit, Lärm und Stille

Die Fotografien beider Künstler bieten in ihrer Ausstellung mehr als rein visuelle Eindrücke. Sie vermitteln weitreichende sensorische Empfindungen des Klinikalltags: Beengtheit, Lärm und Stille, den Geruch auf den Abteilungen. Da sind die Motive einer entindividualisierten Medizin, die mit Betten gefüllten Schlafsäle und Reihen sanitärer Anlagen. Willi Keller und Roland Schneider setzen ihnen Bilder der Patienten entgegen, ihre Einsamkeit in der Menge, ihre Verlorenheit, die Langeweile und Verrückungen in eigene Welten. Der Blick durch die Linse ist direkt, nie beschönigend, aber auch nicht voyeuristisch, sondern immer zugewandt und nahe am Menschen. Erstaunlich und heute undenkbar ist die Offenheit der Klinikleitungen, mit der sie die Fotografen damals frei arbeiten liessen.

Etwa 150 Besucher bestaunten Willi Kellers Fotos am ersten Tag der Ausstellung Bild: zVg

Das letzte Bild der Brandopfer

Schon in seiner Zeit als Pfleger in der Zürcher Klinik Burghölzli plant Willi Keller eine Ausstellung über das Leben im Psychiatriealltag. Doch dazu kommt es nicht mehr. Bei der Brandkatastrophe am 6. März 1971 kommen 28 Patienten ums Leben. Am stärksten betroffenen ist die geriatrische Abteilung, wo auch Willi Keller gearbeitet hat. Von vielen Opfern hat er das letzte Bild gemacht. Nach dem Unglück gehen die Bilder im Archiv des Fotografen vergessen. Erst 2014, ein halbes Jahrhundert später, stösst der Marbacher wieder auf sie. Und publiziert sie 2017 unter dem Titel «Eingeschlossen. Alltag und Aufbruch in der psychiatrischen Klinik Burghölzli zur Zeit der Brandkatastrophe von 1971» im Chronos-Verlag. Ausgestellt waren sie bis jetzt noch nie.

Willi Kellers Fotografien sind auch eine Hommage an die Opfer. Die Brandkatastrophe fällt in eine Zeit des gesellschaftlichen Um- und Aufbruchs, der ebenso das Selbstverständnis der Psychiatrie erfasst. Willi Keller bleibt mit der Kamera stets nah bei den Patienten. Sein Blick ist respektvoll, nie anklagend. Immer wieder blitzt Heiterkeit auf. Als Insider protokolliert er den Klinikalltag und dokumentiert ihn nicht nur in seinen Fotografien, sondern auch in selbst verfassten Bildbeschreibungen. 

 

Biografie Willi Keller 

geboren in Schaffhausen, besucht 1961 die Kunstgewerbeschule Zürich, 1975/76 folgt ein Studium der Druckgrafik. Als freischaffender Künstler lebt und arbeitet er von 1972-1982 in Zürich und seit 1982 in Marbach SG. Studienaufenthalte 1974 im staatlichen Künstleratelier Amsterdam, 2000 in der Cité Internationale des Arts, Paris. 2001 erhält Willi Keller den Anerkennungspreis der Arbeitsgemeinschaft Rheintal-Werdenberg. 

pd/gmh/uh