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Auto/Mobilität
03.01.2021

Mit dem Dreizack durch die Alpen

Ein Automobil wie eine klassische Skulptur (Bild: media.maserati.com) Bild: media.maserati.com
Maserati. Ein Name, so erotisch und schön wie allenfalls noch Ferrari. Ein Name, der zum Auto passt. Und mit dem runderneuerten, facegelifteten Ghibli auch ein Auto, das zu diesem Namen passt.

Wenn ich allein sein will, um über die Freuden und das Unbill des Lebens nachzudenken, gehe ich nicht im Wald spazieren. Ich steige auch nicht auf einen einsamen Gipfel. Nein, das sollen andere tun. Jene, die sich gerne selbst kasteien. Wenn ich allein sein will, um nachzudenken, setze ich mich ins Auto. In ein möglichst schönes. Premium eben. Und wenn dann mein Hirn noch einen guten Tag hat, wenn es putzmunter wird und mit kreativen Geistesblitzen nur so um sich wirft, dann weiss ich, dass ich in einem exzellenten Auto sitze. Denn in schlechten Autos bleibe ich genauso blöde und träge wie wenn ich vor der Mattscheibe sitze und 22 bunt gekleideten tätowierten Herren beim Ballgekicke zuschaue.

Da kann man in die Welt der automobilen Gediegenheit und das Gefühl von italienischer Grandezza eintauchen (media.maserati.com) Bild: media.maserati.com

Explosion an Kreativität

Meine letzte Testfahrt führte mich zu wahren Explosionen an Kreativität und wohligen Gedanken. Denn ich sass in einem Maserati Ghibli Gran Lusso. Der Ghibli ist jenes Modell, mit dem Maserati vor einigen Jahren einen Gegner für die 5-er Reihe von BMW und die E-Mercedesse auf die Strasse stellte. Bereits zu einem Schnäppchenpreis ab 72´950 Stutz für den Diesel und 77´350 Stutz für den Benziner kann man in die Welt der automobilen Gediegenheit und das Gefühl von italienischer Grandezza und Belleza eintauchen. Steigerungsstufe ist die mit dem vor einigen Monaten erfolgten gelungenen Facelift eingeführte Ausstattungslinie Gran Lusso. Grosser Luxus also. Und fürwahr. Das Versprechen der Modellbezeichnung wird auch in die Realität umgesetzt.

Selten habe ich meine kurzen Tage mit einem Testauto so genossen. Feinste Belederung in bester Verarbeitung. Die Innenseite der Türen sowie die Sitze für die heikelsten Partien des Körpers in Seide gehüllt von Italiens Edelherrenausstatter Ermenegildo Zegna. Gediegenste Ebenholzapplizierungen, wo das geneigte Auge hinschaut. Je nach Wunsch lackiert oder offenporig. Und wunderbare Soundwelten. Nämlich eine Bowers & Wilkins Audioanlage vom Feinsten. Da jodelt mein Pavarotti gleich nochmals schöner und beim Hören der ewig gültigen Crossover-CD „The Juliet Letter“, die von Meister Elvis Costello mit dem Brodsky-Quartett vor einem Vierteljahrhundert aufgenommen wurde, schmelzen die Ohren weg vor lauter Freude.

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Höhepunkt italienischer Maschinenbaukunst

Da ist – wie sollte es in einem Maserati anders sein – aber auch der Sound des Sechszylinder-Doppelturbo-Aggregats mit 430 mit den Hufen scharrenden Pferdestärken. Kein Ferrari-Derivat, sondern ein Eigenbau von Maserati. Angenehm und zivilisiert liefert dieser Höhepunkt italienischer Maschinenbaukunst ein sonores, tiefes, angenehmes Brummeln, beinahe wie das Schnurren einer Grosskatze. Ein Sound, der stets andeutet, dass hier eine mächtige Kraft am Werk ist. Im Normalbetrieb und unter Einhaltung der Geschwindigkeitslimits ein angenehmes, sich vornehm zurückhaltendes Urtier. Aber wehe, es wird in der Einstellung „Sport“ mit einem Kickdown losgelassen. Dann pfeifen die Apachen und weniger gut befestigte Toupets sagen zum Abschied leise Servus.

Natürlich durfte auch die Beste aller Ehefrauen ans Steuer dieses edlen Gefährts, das in der dunkelgrau-metallic-farbenen Lackierung unseres Testwagens eine prächtige Figur machte. Denn ich bin ja kein Macho. Ich lege Wert auf das Urteil verständiger, ja vielleicht sogar sachverständiger Frauen. Obwohl ihre Sicht aufs Automobil eine ganz andere ist, als jene der Krone der Schöpfung. Frauen wollen keine edlen und eleganten Limousinen, schon gar keine Coupés oder Gran Turismos mit nur drei Türen. Frauen wollen SUV´s. Wollen eine mobile Festung, aus der sie in erhöhter Position den Überblick bewahren und in vermeintlicher Sicherheit durch den Verkehr pflügen können. Achten Sie einmal darauf, wie selten am Steuer eines Cayenne, Q7 oder X7 oder wie die richtigen Dickschiffe alle heissen, ein Mann zu sehen ist. Aber zurück zu meinem Grünauge. Ich lasse mich gerne von ihr kutschieren. Denn sie ist noch eine zutiefst analoge Fahrerin. Vorausschauend mit einem schlanken Fuss fürs Gaspedal und fester Hand am – im Falle des Ghibli Gran Lusso – gelederten und beheizten Lenkrads. Während es ja leider viele Digital-Fahrerinnen gibt, die nur zwei Zustände kennen. Aus oder an. Bremsung oder Vollgas.

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In den sonnigen Süden des Veltlin

Aber zurück zu unserem eigentlichen Thema. Der Ghibli brachte uns treu und zuverlässig zur Winterszeit über die Alpen. Über Julier und Bernina in den sonnnigen Süden des italienischen Veltlin. Dieses Auto, obwohl im Wesen eine grosse Limousine, trägt einfach die Maserati-Gene in sich. Fühlt sich im Kurvengeschlängel, in den Serpentinen die verschneiten Berge hinauf sichtlich wohl. Und schnüffelt mit direkter Lenkung zielsicher in die Kurven hinein wie ein Trüffelschwein dem edlen Pilz folgend. Die Gänge flutschen durch das ZF-Acht-Gang-Automatikgetriebe wie der frischgeboren Säugling in die Hände der Hebamme. Schnee und Eis sind für das permanente Allradsystem, das elektronisch ständig die jeweils beste Kraftverteilung regelt, kein Problem, sondern natürliche Umgebung.

Mit Apple Car Play- und Android Auto–Kompatibilität ist an der Connectivity nichts auszusetzen. Das Menü für die Bedienung des 8,4 Zoll grossen blendfrei ablesbaren Displays ist einfach und logisch. Fingerabdrücke und Schlieren sind wie bei den meisten interaktiven Bildschirmen leider unvermeidbar. Die wichtigsten Dinge wie Klima und Audio können über Druck- und Drehknöpfe geregelt werden. In den straffen, ausgezeichneten Seitenhalt bietenden, aber dennoch äusserst bequemen und mit elektrischer 12-Wege-Einstellung optimal zu konfigurierenden Sitzen war es ein angenehmes Reisen.

Ausgezeichnete Weinbar mit herrlicher Küche

 Und jetzt ein Tipp für alle, die sich bei einer grossen Ausfahrt durchs Engadin ins kleine Pontresina verirren und einen gediegenen und das Portemonnaie nicht zum Vakuum minimierenden Abend erleben wollen. Von aussen deutete sich mit der Werbeverlockung „Café-Winebar-Grill“ ein eher balkanstämmiges Degustationsvergnügen an. Doch das „Gianottis“ in der Via Maistra 140 entpuppte sich als im Falstaff mit 91 Punkten ausgezeichnete Weinbar mit herrlicher Küche. Der offene Amarone zu erträglichen Preisen mundete ebenso wie die Kokos-Ingwer-Suppe, das Carpaccio vom heimischen Hirsch und das auf dem offenen Feuer perfekt gegrillte Wildschweinkotelett. Die herzlich-freundliche und aufmerksame Bedienung, die den Laden trotz Überbelegung jederzeit im Griff hatte, rundete das Ess- und Trinkerlebnis positiv ab.

MASERATI GHIBLI S Q4 GRAN LUSSO:

Motor V6-Doppelturbo, 2979 cm3, 302 kW (430 PS), ZF 8-Gang-Automatik, elektronisch geregelter Allradantrieb, Benzin

Höchstgeschwindigkeit 284 km/h, 0-100 km/h: 4,8 Sek, Verbrauch (kombiniert) 9,7 l/100 km/h

Preis: ab CHF 103´450

Der Autor H.M.Fürstenberg lebt im St.Galler Rheintal. Als Connaisseur, Lebemensch und Autotester schreibt er seine Artikel im Stil des unvergessenen Paul Frère und der österreichischen Edelfeder Phil Waldeck.

H.M. Fürstenberg