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Stadt St.Gallen
09.01.2026
09.01.2026 17:22 Uhr

Dürrenmatt in Mundart: Die alte Dame in St.Gallen

Heidi Maria Glössner
Heidi Maria Glössner Bild: Ueli Alder
Das Theater St.Gallen bringt Friedrich Dürrenmatts Klassiker «Der Besuch der alten Dame» in einer neuen Mundart-Inszenierung auf die Bühne. Dialekt und Musik prägen die Inszenierung von Barbara-David Brüesch und Martin Bieri, die ab dem 17. Januar 2026 im Grossen Haus zu sehen ist – mit Heidi Maria Glössner in der Titelrolle.

Im Januar jährt sich die Uraufführung von Der Besuch der alten Dame zum 70. Mal. Das Stück avancierte rasch zu einem Welterfolg und machte Friedrich Dürrenmatt international bekannt.

Besonders beeindruckt zeigte sich der Autor einst von einer Inszenierung der «Emmentaler Liebhaberbühne», einem ambitionierten Laientheater, das 1973 in Hasle-Rüegsau eine Dialektfassung aufführte. Dürrenmatt bezeichnete diese Produktion als eine der besten Inszenierungen seines Erfolgsstücks.

Ein wiederentdecktes Regiebuch dieser historischen Aufführung diente Martin Bieri nicht als direkte Vorlage, wohl aber als Inspiration für die Neuproduktion am Theater St.Gallen. Unter der Regie von Barbara-David Brüesch ist Der Besuch der alten Dame ab dem 17. Januar 2026 im Grossen Haus zu sehen.

Auch hier spielt Dialekt eine tragende Rolle – allerdings nicht als einheitliche Sprache. Vielmehr bringen die Ensemblemitglieder ihre eigenen sprachlichen Färbungen auf die Bühne.

Dialekt, Hochsprache und Verständigung

Das Spannungsfeld zwischen Dialekt und Hochsprache beschäftigte Friedrich Dürrenmatt nicht nur auf der Bühne, sondern auch in seiner schriftstellerischen Arbeit. Helvetismen setzte er bewusst ein und verteidigte sie selbstbewusst seinen Lektoren gegenüber. 

Martin Bieri beschreibt seine Fassung als eine Sprachlandschaft, die nicht nur Dürrenmatts Berndeutsch umfasst, sondern auch andere Dialekte und Sprachvarianten, wie sie in der Schweiz gesprochen werden. Auch Hochdeutsch ist Teil dieser Inszenierung. Als gemeinsame Verständnisebene wird das Stück auf Hochdeutsch übertitelt, einschliesslich der Liedtexte.

Heidi Maria Glössner als Claire Zachanassian

Mit Heidi Maria Glössner in der Titelrolle kehrt eine bekannte Schauspielerin nach St.Gallen zurück. Sie verbrachte ihre Schulzeit in der Ostschweiz und gastiert nun erneut am Theater St.Gallen. In der Rolle der Claire Zachanassian kehrt sie nach einem abenteuerlichen Leben in den fiktiven Ort Güllen zurück, den Schauplatz ihrer Kindheit.

Die Bevölkerung Güllens glaubt zunächst an einen Glücksfall: Claire Zachanassian ist so reich, dass sie die heruntergekommene Stadt problemlos vor dem Ruin retten könnte. Zwar wundert man sich über die seltsamen Gestalten in ihrem Gefolge, doch die Hoffnung auf finanziellen Gewinn überwiegt.

Tatsächlich stellt Zachanassian den Menschen grosse Summen in Aussicht – allerdings zu einem hohen Preis. Die alte Dame bringt ein dunkles Geheimnis mit, das die Vergangenheit Güllens schonungslos offenlegt und die moralische Haltung seiner Bevölkerung auf eine harte Probe stellt.

Claire Zachanassians Schicksal im Fokus

In der Inszenierung von Barbara-David Brüesch rückt das Schicksal von Claire Zachanassian stärker in den Vordergrund als im Originaltext. Die Figur wird schwanger, verliert einen Vaterschaftsprozess aufgrund von Meineid, ihr Kind wird ihr weggenommen, und sie wird gesellschaftlich geächtet.

Diese Biografie erinnert an Frauenschicksale, wie sie in der Schweiz im Zuge der Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen bekannt geworden sind. Die Inszenierung stellt diese Perspektive bewusst ins Zentrum.

Mit Diana Dengler wird Dürrenmatts Bürgermeister zur Gemeindepräsidentin, die in der Fassung von Martin Bieri und der Regie von Barbara-David Brüesch zu einer starken Gegenfigur wird. Eng verwoben mit Claire Zachanassians Geschichte ist auch die Rolle von Alfred Ill, gespielt von Nicolas Rosat.

Zum Ensemble gehören zudem Jonathan Fiebig, Jonathan Fink, Manuel Herwig, Marcus Schäfer, Anja Tobler, Jacob Hagemeyer und Lia Bayon Porter. Swane Küpper aus dem Tanzensemble sowie Lukas Strieder, der im Bereich Konzert- und Musiktheatervermittlung tätig ist, wirken ebenfalls mit. Ergänzt wird das Ensemble durch Gast-Schauspieler Stefan Lahr.

Musik als moralischer Verstärker

Ein zentrales Element der Inszenierung ist die Musik. Der Chor des Theaters St.Gallen, geleitet von Filip Paluchowski, interpretiert Schweizer Volkslieder wie «Anneli, wo bisch geschter gsi?», deren Doppelbödigkeit die moralischen Konflikte der Handlung unterstreicht. Die Musik wird von Damian Dalla Torre und Felix Römer gespielt, der auch als Komponist an der Produktion beteiligt ist.

Bühne zwischen Mehrzweckhalle und Bahnhofbuffet

Das Bühnenbild von Alain Rappaport zeigt eine Welt zwischen Mehrzweckhalle und Bahnhofbuffet – Orte, die als typisch schweizerisch gelten, aber oft wenig Beachtung finden oder längst nicht mehr das sind, was sie einst waren. So wird im Bahnhofbuffet auf der Bühne nicht mehr gutbürgerlich, sondern Tex-Mex gekocht. Zum Kreativteam gehören ausserdem Sabin Fleck (Kostüm) und Andreas Enzler (Licht).

Ist Moral käuflich?

Der Besuch der alten Dame stellt universelle und zugleich stark auf die Schweiz bezogene Fragen: Ist der Mensch käuflich? Hat Moral einen Preis? Was bedeutet Gerechtigkeit? In einer Zeit, die sich zunehmend am Recht des Stärkeren oder Reicheren orientiert, sind diese Fragen aktueller denn je. Mit dieser Inszenierung setzt Barbara-David Brüesch ihr Verständnis von Theater als Kommentar zur politischen Gegenwart konsequent fort.

pd/ako
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