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Speicher
12.10.2020
12.10.2020 13:13 Uhr

Preisgekröntes Möbeldesign aus Speicher

Bilder: Marlies Thurnheer Bild: FS
«Ort der Ahnung» steht vor dem grossen Hauseingang auf der Vögelinsegg in Speicher. Die Sonne prallt auf das weisse Haus; bis auf weitentfernte Kuhglocken ist kaum etwas zu hören. Ein stiller Ort. Kaum einer würde hier Atelier und Unternehmen von einem international tätigen, preisgekrönten Möbeldesigner erwarten.

Doch genau hier wohnt und arbeitet Urs Bürki und führt «Zarava». Das ist arabisch und bedeutet Giraffe. «Sie ist mit ihrem langen Hals die Meisterin der Adaption, kennt die Leckerbissen von Boden bis zur Baumkrone, das Fell ist einzigartig, und ausserdem lässt sich Zarava wunderbar grafisch schreiben», sagt der 69-Jährige auf die Frage, warum er diesen Namen für sein Unternehmen gewählt hat.

Geboren und aufgewachsen ist der Designer in Triengen im Kanton Luzern. «In die Ostschweiz bin ich – wie könnte es auch anders sein – für eine Frau gekommen», so Bürki und kann sich dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die Liebe verfloss, Bürki blieb. «Ich habe in der Ostschweiz Freunde und Arbeit gefunden. Aber vor allem fühle ich mir hier wohl.» Urs Bürki veröffentlichte 1988 sein erstes Designobjekt, zehn Jahre später gründete er die Zarava GmbH und fasziniert seit über 30 Jahren immer wieder mit genialen Designs, stellte auf der ganzen Welt aus und gab Workshops für internationale Designer.

Masterpiece-Label für «Zoid»
Bevor sich Bürki Vollzeit dem Design hingab, war er Lehrbeauftragter für Spielmethodik und -didaktik an der Uni Bern, leitete später die Ausbildung für Bewegung und Sport an der PH St.Gallen und arbeitete schliesslich als Geografielehrer an der Kantonsschule Burggraben. Laien würden jetzt behaupten, dass Sport und Design nichts miteinander am Hut hätten, doch dabei gibt es essenzielle Schnittpunkte: «Viele biochemische Erkenntnisse helfen mir bei meinen Designs. Wie sitzt man richtig auf einem Stuhl? Welche Formen braucht ein Objekt, damit es nicht nur schön, sondern auch ergonomisch ist?»

Für den Hocker «Zoid» wurde Bürki mit dem renommierten Masterpiece-Label des Formforums ausgezeichnet. «Der Designer Yves Ebnöther hat zusammen mit Urs Bürki das Unmögliche vollbracht: Beim dreibeinigen Hocker von Zarava manifestiert sich eine gestalterische Vision. Hier trifft analoges Denken auf digitales Können und handwerkliche Perfektion in Edelstahl», schrieb die Jury.

Was ist gutes Design?
«Zunächst ist gutes Design immer eine subjektive und emotionale Geschichte. Für mich ist die Büroklammer aber das perfekte Beispiel für geniales Design. Sie ist so simpel konstruiert und erfüllt ihren Zweck. Schade, dass sie nicht von mir stammt», lacht Bürki.

Bürkis Erfolg beruht auf formschöne, auf die Funktion reduzierte Gegenstände wie beispielsweise die Bücherstütze «Leo», mit der er an die Ausstellung «Swiss Design» im Rahmen von «Swiss Peaks» in New York war. Bürki ärgerte sich schon während seines Studiums darüber auf, warum Bücher in Bücherregalen immer umfallen. «Wahrscheinlich regen sich viele Menschen darüber auf, aber mich lässt das dann nicht mehr los – und ich beginne zu tüfteln, bis die Bücher eben nicht mehr umfallen.» Sein Bücherregal «Woodweb» besteht aus phenolharzbeschichtetem Birkensperrholz und kann elementarweise erweitert werden. Damit ist Bürki das gelungen, woran viele davor gescheitert sind.

Die Ausserrhodische Kulturstiftung bringt Bürkis Arbeit auf den Punkt: «Urs Bürki erklärt mit seinem Schaffen exemplarisch, was es mit der Bezeichnung Erfinder auf sich hat: Ein Erfinder sucht unablässig – nach dem Nutzen von Materialien und Gegenständen, nach Bedürfnissen, die noch nicht zufriedenstellend gedeckt sind. Als Resultat eines geduldigen Forschens ergeben sich Fundstücke und mithin Erfindungen.»

Mit dem Velo durchs Büro
Hinter guten Produkten steckt meist ein simpler Gedanke. Urs Bürki hat nicht nur viele solcher Einfälle, sondern er versteht es auch, sie formal überzeugend umzusetzen. Mit dem Objekt «Bürovelo» zum Beispiel hat Bürki ein Dreirad aus europäischer Akazie – gedämpft und geölt – mit einem Gestell aus Edelstall entworfen. Das kleine Velo verfügt über einen integrierten Tisch, der genug Platz für den Laptop bietet. Damit soll die Büroarbeit revolutioniert werden und «ein bisschen Spass machen», wie Bürki sagt. «Besonders in Zeiten von Homeoffice brauchen wir ein wenig Abwechslung bei der Arbeit. Mit dem Bürovelo hat man die Möglichkeit, durch das ganze Haus zu rollen und sich dort aufzuhalten, wo das beste Licht und die beste Atmosphäre herrschen.» Neulich man ein Anwalt in sein Atelier und sagte: «Davon will ich 15 Stück haben». Bei der Vorstellung, dass 15 Anwälte im Anzug durch die Büroräume rollen, muss Bürki lachen.

Ihm sei es wichtig, dass man sich von konventionellen Gegenständen löst und diese neu durchdenkt. «Wissen Sie eigentlich, wie falsch die meisten Leute auf einem Stuhl sitzen? Das liegt aber nicht an den Menschen, sondern am Stuhl.» Deshalb tüftelt der 69-Jährige gerade an einer revolutionären Sitzmöglichkeit: «Ich will noch nicht zu viel verraten, aber vier Beine wird der Stuhl nicht haben.»

Bild: FS

Dieser Text ist aus der LEADER Sonderausgabe "HOME". Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch.

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