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Stadt St. Gallen
25.06.2020
26.06.2020 13:31 Uhr

Kolumne: Träume statt Trauma

Gallus Hufenus ist 40, Stadtmensch, Betreiber des Kaffeehauses – ein Ort, wo Luftschlösser in den Himmel wachsen sollen und Kaffee geröstet wird – sowie seit zehn Jahren Stadtparlamentarier (SP).
Unser Kolumnist Gallus Hufenus findet, dass die Stadt St.Gallen aufstehen muss, anstatt im Corona-Chaos zu versinken. Es sei Zeit für Visionen.

Eine Gesellschaft braucht drei Generationen, um ein Trauma zu überwinden. In St.Gallen war dies letztmals der Niedergang der Textilbranche vor 100 Jahren. Darum ist es jetzt dringend an der Zeit, Leidenschaft und Mut in uns gegenseitig zu wecken. Nährboden zu ermöglichen – für unsere eigenen Geschichten, um ureigene Stadtgeschichte weiterzuschreiben. – Dies war mein Wunsch am Ende meines Präsidialjahres 2018 im Stadtparlament.

Erfüllt hat sich mein Wunsch nicht: St.Gallen ist die erste grössere Schweizer Stadt, die Sparmassnahmen infolge Corona präsentiert (als es darum ging, Hilfspakete zu beschliessen, wo Bund und Kantone Lücken hinterliessen, sendeten andere Städte indes wesentlich schneller Signale aus). Die ostschweizerische Obrigkeitsgläubigkeit hat einmal mehr zugeschlagen.

Corona hinterlässt ein noch grösseres Loch in der Stadtkasse, als es alleine schon die Steuerreform des Kantons (STAF) zur Folge gehabt hätte. Das sehe ich auch. Aber die Antwort ist eine Bankrotterklärung: Uns auf direktem Weg in die Provinz zu sparen (bzw. mehrheitlich wird nicht einmal gespart, sondern Kosten in die Zukunft verschoben). Arme Stadt. Ohne pionierhaften Geist.

Jetzt wäre der Moment für den Stadtrat aufzustehen. Gemeinsam mit anderen Zentren in der Schweiz. Es ist Zeit, die hochgepriesene Solidarität der letzten Wochen einzufordern – seitens der Landgemeinden gegenüber den Städten, die ungleich stark vom Lockdown betroffen waren. Es ist Zeit, Ungehorsam zu zeigen gegenüber dem Kanton, ungehorsam gegenüber dem Speckgürtel. Laut. Finanzielle Beteiligung aus Solidarität – jetzt! Weil eine Region nur stark ist mit einem starken Zentrum. Dafür braucht es aber auch den Willen, ein Zentrum mit Charakter gestalten zu wollen, anstatt sich im Jammer-Steinach-Hochtal zu suhlen.

Vielleicht ist dieses Chaos ja doch noch eine Chance, dass St.Gallen wieder beginnt, seine neue urbane Identität zu entwickeln. Andernfalls enden Jahre braver Stadtverwaltung in einem Scherbenhaufen ohne Perspektive.

In einer Stadt, die Fäden mit Paris und New York spannte, wurde das älteste noch existierende Hallenbad der Schweiz gebaut. Die dringende Renovation wurde auch hier verschoben. Bevor das Wasser des Volksbads im Nirvana versickert und wir uns weiterhin nur noch Rankings unterordnen, äussere ich meinen Wunsch nach einem kulturellen Selbstverständnis erneut: Nach Corona ist Zeit für Stadt. Bunt, divers, offen, voller Träume und Leidenschaften.

Gallus Hufenus