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Stadt St. Gallen
03.06.2021
03.06.2021 11:11 Uhr

Angepöbelt, weil er Männer liebt

Bild: Désirée Gächter
Der 20-jährige Nick hat sich am Freitag mit einem Freund in St.Gallen verabredet. Im McDonald's wurde er von Jugendlichen verbal fertiggemacht, weil er auf Männer steht.

Nick hatte Jeans, ein Pink-Floyd-T-Shirt und eine Perlenkette an. Mit diesem Outfit verabredete er sich mit einem Kollegen in St.Gallen. Bereits in der Stadt spürte er den einen oder anderen Blick. Doch als er und sein Kollege in den McDonald's gehen, hören sie zwei Jungs tuscheln: «Schau dir mal diese hässliche Schwuchtel an.» Das Getuschel und Gelächter ging die ganze Zeit seines Aufenthaltes im «Mac» so weiter. Dies verunsicherte Nick und er teilte den Vorfall in einer Instagram-Story mit seinen Freunden. Er erhält Zuspruch von vielen, auch von vielen Homosexuellen, die bereits das Gleiche erlebt haben.

Das war das Outfit von Nick, welches er am Freitagabend in der Stadt an hatte. Bild: zVg

Homophobie im Rheintal und in St.Gallen

Im Rheintal und in St.Gallen werden Homosexuelle offenbar mehr diskriminiert: Denn Nick hatte dieselbe Kleidung bereits in Zürich an – und dort bekam er nie blöde Sprüche oder Blicke. Doch er meide Gebiete wie Stadelhofen, die bekannt für Homophobie sind. Dort gab es auch schon Angriffe auf Homosexuelle; zwei davon kennt Nick persönlich.

Doch Nick kann sich nicht erklären, wieso in seiner Heimat die Leute die sexuelle Orientierung eines Menschen nicht akzeptieren: «Viele haben einen Tunnelblick und sind recht konservativ. Das kann daran liegen, dass wir in einer ländlichen Region leben. Ansonsten kann ich mir nicht erklären, an was es liegt. Es fehlen ziemlich sicher Akzeptanz und Toleranz.»

Meist werden Homosexuelle von männlichen Personen angegriffen. Bereits vergangenen Winter am Marktplatz war Nick mit einer Felljacke unterwegs. Dann rief ihm ein Mann auf Albanisch «Schwuchtel» nach und spuckte auf den Boden. Ohne jeglichen Respekt. In solchen Situationen hat Nick Angst, denn man wisse ja nie, ob man dann noch verfolgt werde, sobald man aus einem öffentlichen Raum geht.

«Ich weiss, es sind nur Blicke und Sprüche. Aber diese Sprüche habe ich nicht zum ersten Mal gehört. Ich finde es mega schade, denn ich möchte doch einfach nur so herumlaufen, wie ich mich wohl und schön fühle, ohne diskriminiert zu werden.»
Nick aus Widnau

«Ich will nicht mehr schweigen»

Vieles im Leben kann man nicht auswählen. So auch nicht die sexuelle Orientierung. Doch nur, weil man heterosexuell zur Welt gekommen ist, müsse man nicht Homosexuelle beleidigen, findet Nick: «Wenn mir etwas nicht gefällt, beleidige ich Leute auch nicht. Weswegen machen es dann die anderen? Die sollen einfach einmal den Mund halten.»

An diesem Vorfall am Freitag hat sich Nick nicht gewehrt, da er Angst hatte. Wer weiss, was passiert, wenn er aus dem McDonald's geht? Kommen diese Jungs nach? Trotzdem will Nick nicht mehr schweigen: «Wenn man allein oder zu zweit ist, hat man keine Chance. Wenn ich aber in einer grösseren Gruppe unterwegs wäre, würde ich was sagen. Ich würde aber nicht auf Angriff gehen.»

Nach diesem Vorfall hat Nick gemerkt, dass er sich nichts mehr gefallen lassen möchte. Die Leute sollen sehen, mit welchen Problemen Homosexuelle tagtäglich zu kämpfen haben.

«Man wählt sich die Sexualität nicht aus. Mensch ist Mensch und Liebe ist Liebe. Trotzdem ist es als Heterosexueller einfacher. Doch ich bin zufrieden wie ich bin, ich würde es nicht ändern wollen.»
Nick aus Widnau

Leute denken, es sei nicht so schlimm. Aber es ist schlimm

«Psychisch ist es definitiv schwierig. Es gibt Leute, die sehr stark sind. Aber es gibt auch viele wie ich, die sehr schnell verunsichert sind und durch solche Situationen psychisch belastet werden», so Nick aus Widnau. Er hilft sich selbst, in dem er darüber spricht. Er stärke sich ebenfalls selbst, in dem er sich Mut zuspricht: «Das hilft. Aber man kann leider nicht vom einen auf den anderen Tag voll selbstbewusst mit diesem Thema umgehen.»

Dazu kommt, dass Nick bis vor zwei Jahren nicht wusste, dass er auf Männer steht: «Ich hatte eine Freundin und merkte, das irgendetwas fehlt. Doch dann habe ich jemanden kennengelernt und mich dann anfangs 2020 bei Freunden und Familie geoutet.» Die Freunde haben es super aufgenommen. Die Familie akzeptierte es anfangs nicht, steht jedoch jetzt hinter ihm. Für Nick war das Ganze nicht einfach, er sei aber mittlerweile froh, den Schritt gemacht zu haben.

Ehe für alle – auch mit Adoption

Im September entscheidet die Schweiz über die Ehe für alle. Dies, weil die SVP ein Referendum gegen die geplante Gesetzesänderung durchbrachte. Das Argument der Gegner ist die Adoption von Kindern: Ihrer Meinung nach fehle die Mutter- und/oder Vaterrolle bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Für Nick ist das aber kein Argument: «Kinder von geschiedenen Eltern haben oft auch nur eine Rolle. Dann ist es doch keine Sache, wenn ein Kind zwei gleichgeschlechtliche Eltern hat, dafür bekommt es genug Liebe. Denn wenn sich ein homosexuelles Paar für eine Adoption entscheidet, möchte es das unbedingt und macht alles für das Kind, als wäre es das eigene.»

Nick hofft auf ein Ja bei der Abstimmung. Er hat jedoch Angst vor einem Nein, da die SVP die grösste Partei der Schweiz ist.

«Kinder können sich nicht aussuchen, ob sie zwei Mamis oder zwei Papis haben. Aber ein Kind wählt sich auch nicht drogenabhängige Eltern aus.»
Nick aus Widnau

Dating ist genau gleich

Es gibt zwei Dating-Apps. Tinder und Grinder. Grinder ist viel mehr auf Spass basiert. Auf Tinder sei es eher ernst. Daten ist aber genau das Gleiche. Man geht was trinken, ins Kino oder spazieren. Für Nick ist Dating zwischen Homosexuellen sogar noch einfacher, da beide Personen die gleichen Probleme durchleben und dadurch für genügend Gesprächsstoff gesorgt ist.

Nick ist momentan in einer festen Beziehung und hat seinen Freund über Tinder kennengelernt. Er ist überglücklich. Zum Start des Pride Month am 1. Juni feiern sie gerade ihr einmonatiges Jubiläum.

Der Juni ist der Pride Month

1969 fanden viele Demonstrationen und Veranstaltungen für die Rechte von homo-, bi- und transsexuellen Menschen statt – der sogenannte Stonewall-Aufstand in New York. In Amerika waren die Lebensbedingungen für nicht-heterosexuelle Menschen alles andere als rosig: Sie wurden sozial, familiär und sogar beruflich ausgeschlossen.

New York war in den 1960er-Jahren eine Hochburg für solche Menschen. Aufgrund ihrer sexuellen Orientierung wurden sie von der Polizei angegriffen. Und als die Polizei am Morgen des 28. Junis 1969 in das Stonewall-Gebiet eindrang, haben sich die Leute mit verschiedenen sexuellen Orientierungen gewehrt.

Zu Ehren dieser Widerstandskämpfer und der Treiberin, Marscha P. Johnson, aus New York wird heute noch der Pride Month gefeiert. Pride bedeutet soviel wie Stolz. Und obwohl sich weltweit schon vieles getan hat, fehlt den Homosexuellen noch Toleranz und Gleichberechtigung.

In den Sozialen Medien werden zu dieser Zeit farbige Flaggen gehisst. Ebenfalls gibt es diverse Pride-Paraden. Ziel dieser Veranstaltungen ist es, den Leuten die Chance zu geben, sich zu zeigen wie sie sind und dazu zu stehen.

#PrideMonth bei stgallen24 und rheintal24

Bis Ende Juni berichten wir regelmässig rund um Homosexualität. Ebenfalls werden wir mit der St.Galler Kantons- und Stadtpolizei sprechen. Nick hat sich sogar bereit erklärt, mit unserer Redaktorin eine Strassenumfrage in der Innenstadt zu machen und sich den Homophoben zu stellen.

Désirée Gächter