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Kanton
30.01.2021
31.01.2021 00:28 Uhr

Sind Migranten von Corona mehr betroffen?

Sowohl beim Bund wie beim Kanton St.Gallen fehlen Zahlen zum Migrantenanteil auf den Pflegestationen Bild: PD
Im Dezember 2020 schreckte die «Basler Zeitung» mit der Meldung auf, dass die Corona-Intensivstationen «zu 70 Prozent mit Migranten» belegt seien. Wie sieht es in St.Gallen aus?

Immer wieder gelangten Leser an die stgallen24-Redaktion mit der Bitte, abzuklären, ob diese Zahlen stimmen – und wenn ja, ob sie für den Kanton St.Gallen ebenso gelten wie für Baselland. stgallen24 wollte also vom Bund konkrete Zahlen zur Belegung der IPS-Betten in St.Gallen haben. Dieser gibt die Verantwortung aber weiter: «Wir haben keine Daten zu diesem Thema. Möglicherweise können aber die Kantone Antworten geben», so BAG-Sprecher Yann Hulman zu stgallen24.

Doch auch der Kanton sehe sich ausserstande, solche zu liefern, bedauert Thomas Zuberbühler, der kantonale Kommunikationsleiter: «Wir haben derzeit keine statistischen Daten, auf die wir uns stützen könnten. Wir sind aber daran, die Zahlen aus der zweiten Welle statistisch auszuwerten.» Er verspricht per März konkrete Zahlen, die stgallen24 dann publizieren wird.

OECD: Infektionsrisiko für Migranten doppelt so hoch

Die OECD hingegen hat für ihre Mitgliedländer festgestellt, dass es eine systematische Überrepräsentanz von Migranten bei den Covid-19-Fällen und bei der Sterblichkeit gibt. Zum Beispiel war gemäss OECD in Kanada, Dänemark, Norwegen, Portugal und Schweden das Infektionsrisiko für Migranten doppelt so hoch wie das der im Inland Geborenen. Auch wurden etwa während der ersten Welle die starken Familienbande von Südländern für die starke Verbreitung mitverantwortlich gemacht.

Der ehemalige Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), Daniel Koch, sagte dazu im November 2020 zur «Luzerner Zeitung», dass kulturelle Strukturen genauso wie sozioökonomische Faktoren eine grosse Rolle bei der Ausbreitung einer Pandemie spielen können. So gebe es auch in der Schweiz Hinweise auf einen Einfluss der Zusammensetzung der Bevölkerung.

Es zeigte sich zum Beispiel, dass Migranten nach der Grenzöffnung in ihre Heimatländer gereist sind und sich dort angesteckt haben. Dazu gibt es nach Koch aber weder Daten noch Studien. «Aber es ist offensichtlich, dass Familienstrukturen einen starken Einfluss haben auf das pandemische Geschehen», so der ehemalige Covid-19-Sonderbeauftragte des Bundes zur LZ.

Andere sozioökonomische Strukturen führen zu mehr Ansteckungen

Daraus zu schliessen, dass Migranten generell weniger auf die Massnahmen achten, wäre aber falsch, so die LZ. Das sieht auch die OECD für ihre Mitgliedsländer so: Nicht fahrlässiges Verhalten führe in erster Linie zu mehr Ansteckungen bei Migranten, sondern deren sozioökonomische Strukturen wie beengte Wohnverhältnisse mit Überbelegungen in den Zimmern, zusammenlebende Grossfamilien, häufigere Nutzung des öffentlichen Verkehrs, eingeschränkter Zugang zu Informationen aufgrund mangelnder Kenntnisse der Sprache des Gastlandes und gefährdetere Berufe, die nicht im Homeoffice ausgeführt werden können, wie etwa Gastronomie oder Pflege.

Und: Zu Beginn der Pandemie wurde das BAG scharf kritisiert, weil es in seinen Kampagnen die Migranten kommunikativ vernachlässigt habe. Darauf hat das Amt in den vergangenen Monaten seine Informationen dann nach und nach in andere Sprachen übersetzt. Auf seiner Website sind diese inzwischen in über 20 Sprachen zu finden.

stgallen24/stz.