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Stadt St. Gallen
26.11.2020
28.11.2020 09:05 Uhr

Die Toren der Stadt St.Gallen

«Der Narr», Pinselzeichnung von Gregorius Schünemann, 1696
Das kürzlich hier erwähnte und in Bearbeitung befindliche Werk über «Die Toren der Stadt St.Gallen» erfreut sich guter Fortschritte – mindestens was die früheren Jahrhunderte betrifft.

Es ist geplant, mit einem Ziegler zu beginnen und mit einem Ziegler das Opus schliesslich zu beenden.

Eine Anekdote aus dem 16. Jahrhundert kann bereits mitgeteilt werden: Im Juni 1534 fuhr Matthias Ziegler, aus der Landschaft des Gotteshauses St.Gallen «ab dem Rotmonten» gebürtig, von Zurzach über Winterthur gen St.Gallen. Ziegler war Fuhrmann für die Kaufleute der Stadt St.Gallen. Er übernachtete offenbar in Winterthur, wo ihm unglücklicherweise nachts auf freier Gasse «ain fass, darinn vil tusend guldin» lagen, aufgebrochen und ein Sack mit siebenhundert goldenen Konstanzer Batzen gestohlen wurde. Dieses Geld gehört Caspar Guggis oder Güggis aus St.Gallen. (Ein Caspar Güggi ist im Ratsprotokoll von 1538 im Zusammenhang mit einem «handel» (Streit) als Hintersasse erwähnt; es ist dort auch die Rede «von des haffts halb, so Othmar Ferwer über Caspar Güggis gout gethan hatt», d. h. von Beschlagnahme von Gütern.)

Zum Glück fand ein Schneider das Geld am selbigen Tag zufällig «under zimerhölzeren» und übergab es dem Rat, welcher es anderntags dem Kaufmann ohne Entgelt zurückgab. Aus besagtem Sack war, wie der Kaufmann bestätigen konnte, «nützet kommen», d.h. es fehlte nichts.

Ein Eintrag im «Tagblatt der Stadt St.Gallen» vom 4. Juli 1857 hingegen bedarf noch umständlicher Recherchen, stand doch damals dort: «Wenn Johannes Ziegler, Lohnbedienter von Gaiserwald, seine zurückgelassenen Hosen innert acht Tagen nicht einlöst, so wird darüber verfügt.» Wo dieser Gaiserwald Lohndiener seine Hosen zurückliess und warum ist bis dato noch nicht erforscht.

Schwierig wird die Sache im 20. und vor allem im 21. Jahrhundert, wo der Zuwachs an Toren und natürlich auch an Törinnen ungeahnte Ausmasse angenommen hat und immer noch zunimmt, und das vor allem wegen des Datenschutzgesetzes. Zudem haben zwei besondere Törinnen, die ich aus Gründen der Gleichberechtigung ebenfalls in mein bestsellerverdächtiges Werk aufnehmen wollte, protestiert und mit «rechtlichen Schritten» gedroht.

Hiezu kommt, dass mir die politische Korrektheit – übrigens eine Torheit sondergleichen – einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Da ich von Advokaten eine hohe Meinung habe (im Gegensatz zu einer Appenzeller Freundin, die selbige respektlos «wie no öppis» als «gleenti Lügne» (ohne R) beschimpft), lasse ich alle Texte noch lebender Toren und Törinnen von einem Rechtsanwalt überprüfen.

Die Frage ist noch, was ein Tor tatsächlich ist und ob von Törinnen geredet werden darf sowie ob ein Unterschied gemacht werden muss zwischen einem Toren und einem Narren.

Das ehemalige Restaurant «Frohsinn» in Rotmonten

Tor, der (Substantiv, maskulin)

männliche Person, die töricht, unklug handelt, weil sie Menschen, Umstände nicht richtig einzuschätzen vermag; weltfremder Mensch (Duden).

Ernst Ziegler, ehemaliger St.Galler Stadtarchivar