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Kanton
31.08.2022
31.08.2022 15:28 Uhr

Wird St.Galler Kindern LGBTIQ+-Gedankengut eingetrichtert?

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Bild: unsplash.com
Die Themen Gender und LGBTIQ+ geben immer wieder Grund für hitzige Diskussionen. Auch in St.Galler Schulen wird über Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen gesprochen, wie eine LGBTIQ+-Doppelseite aus einer Agenda zeigt. Was hat es damit auf sich?

Zurzeit kursiert im Netz ein Bild von einer Grafik, welche allem Anschein nach in einem Lehrmittel zu finden ist, das in St.Galler Schulen verwendet wird. Die Grafik stellt einen «Genderbread» (Gender-Lebkuchen) dar. Mit diesem wird erklärt, was Gender bedeutet.

So gibt laut dem Genderbread eine Geschlechtsidentität, eine sexuelle Orientierung, eine romantische Orientierung, ein Körpergeschlecht und einen Geschlechtsausdruck. Dazu hat man noch die Möglichkeit, anzugeben, zu wie viel Prozent Mädchen oder Junge man in diesen fünf Kategorien ist. Weiter sind noch Tipps zum «Coming Out» (Outing) zu finden und QR-Codes zu Webseiten, die weitere Hilfe und Unterstützung für LGBTIQ+-Jugendliche bieten.

Wo diese Grafik genau aufzufinden ist, konnte das Alexander Kummer, Leiter des Amts für Volksschule des Kantons St.Gallen, nicht beantworten: «Die Abbildung stammt unseres Wissens nicht aus einem unserer Lehrmittel mit Status. Was Fachstellen, Kompetenzzentren, Institutionen und Verlage im Details alles publizieren, können wir nicht nachverfolgen.»

Diese Doppelseite ist in einigen Agenden von St.Galler Jugendlichen aufzufinden. Bild: Freelance / Raphaël Guillet und Julia Niederberger, www.du-bist-du.ch

Nicht nur biologische Sexualkunde

Grundsätzlich sind die Inhalte des sexualkundlichen Unterrichts im Lehrplan Volksschule verankert und obligatorisch zu vermitteln. «Die Lehrpersonen sind dabei angehalten, auf ihren Unterricht auf den Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen auszurichten.»

Neben dem biologischen Teil des Aufklärungsunterricht (Körper, Geschlechtskrankheiten, Empfängnisverhütung) nähern die Schüler sich laut Volksschulamt auch dem Bereich der Sexualität – dies unter dem Titel «Mit Freundschaft und Liebe vertraut werden».

«Hier liegt der Fokus darauf, geschlechtsspezifischen Verhalten respektive Rollen und Vorurteile kennen zu lernen und zu hinterfragen», heisst es seitens des Amts weiter. Zudem soll über Kameradschaft, Freundschaft, Liebe und Sexualität nachgedacht und gesprochen werden.

Weiter informieren die Lehrpersonen die Erziehungsberechtigten vorgängig zum Sexualkundeunterricht schriftlich oder mündlich über die Art der Durchführung, die Ziele und Inhalte. «So wird den Erziehungsberechtigten ein Vorlauf und eine eigene angepasste Begleitung der Kinder ermöglicht.»

Keine Lehrmittel vorgegeben

Aber welche Lehrmittel für diesen Unterricht verwendet werden, ist nicht definiert. Es werden auch keine empfohlen. «Die Lehrpersonen sind jedoch befähigt, eine eigene Auswahl an geeigneten, zielgerichteten und altersgemässen Unterrichtsmaterialien einzusetzen», so das Volksschulamt.

Der Unterricht in Sexualkunde erfordere eine sorgsame Berücksichtigung des Alters der Kinder und Jugendlichen. Dabei stehen das Schaffen einer Vertrauenskultur und aufklärende Gespräche in sensiblen Bereichen im Vordergrund.

«Welche Medien und Unterrichtsmaterialien dafür verwendet werden oder ob gar auf solche verzichtet wird, entzieht sich unseren Kenntnissen. Dies liegt in der Verantwortung der Schulen und den Lehrpersonen im Einzelnen», so das Amt abschliessend.

Sonderseite in der Jahresagenda

Aber wo hat die Doppelseite nun ihren Ursprung? Nach Recherchen und Nachfragen zeigt sich, dass die Doppelseite als Sonderseite für die Jahresagenda von Oberstufenschülern angeboten wird. Sie kann in mehreren Deutschschweizer Kantonen bestellt werden – im Kanton St.Gallen haben das 85 Schulen gemacht.

Die Agenda sei Teil des Präventionsprogrammes Freelance, das Lehrpersonen darin unterstützt, Themen wie Tabak, Alkohol, Cannabis oder Soziale Medien in den Unterricht zu integrieren, wie das Amt für Gesundheitsvorsorge auf Anfrage schreibt. Ziel sei es, Lebenskompetenzen, insbesondere Reflexions- und Sozialkompetenzen, zu fördern – dazu gehört auch die LGBTIQ+-Thematik.

So informiert die Doppelseite über «Geschlechtervielfalt», «Geschlechtsidentität» und «Sexuelle Orientierung». «Jugendliche sollen dafür sensibilisiert werden, dass es Menschen gibt, die sich nicht (nur) in den gängigen Geschlechterkategorien wiederfinden», meint das Amt für Gesundheitsvorsorge. Das helfe, Verständnis und Akzeptanz für diese Menschen zu entwickeln. Zudem zeige diese Seite betroffenen Jugendlichen auch, dass sie nicht alleine sind.

Gender ist nicht gleich biologisches Geschlecht

Anders als das biologische Geschlecht fallen «Geschlechtsidentität» und «Gender» (soziales Geschlecht) nicht in den Bereich der Naturwissenschaften, sondern in den der Sozialwissenschaften, wie das Amt weiter schreibt. Dabei gebe es kein allgemeingültiges Modell für eine Darstellung dieser Identität – dies, weil sie individuell sehr unterschiedlich sei. Der «Genderbread» ist nur ein Beispiel.

Diskurs um das Thema noch jung

Ob solche Themen mehr verwirren statt aufklären, lässt sich nicht eindeutig sagen. Rückmeldung von Jugendlichen oder Schulen sind bis lang noch keine eingegangen. Auch Reaktionen von Erziehungsberechtigten sind ausgeblieben.

Aber: Die ganze Thematik ist noch jung und der Diskurs über Begriffe und Kategorien noch lange nicht abgeschlossen, wie das Amt für Gesundheitsvorsorge meint.

«Das Thema beinhaltet eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden, bisher vorherrschenden Kategorien. Es soll Jugendliche dabei unterstützen, Verständnis für sich selbst und ihre Mitmenschen zu erlangen und eine gemeinsame Auseinandersetzung damit fördern.»

Was halten Sie von LGBTIQ+ und Gender? Haben Sie Fragen zu dieser Thematik? Schicken Sie uns doch ein Mail an redaktion@stgallen24.ch

pez/stgallen24