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Stadt St.Gallen
27.06.2022

REMforum: «Energiewende braucht soziale Akzeptanz»

Bild: Universität St.Gallen / Hannes Thalmann
Das REMforum 2022 stand unter dem Motto «Umgang mit der Dynamik sozialer Akzeptanz». Fachleute aus Praxis, Wissenschaft und Politik tauschten im Square-Gebäude neueste Erkenntnisse aus der Forschung aus und diskutierten Ideen zum Management erneuerbarer Energien.

In seinen Begrüssungsworten erinnerte Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen daran, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von erneuerbaren Energien seit 2006 ein Forschungsthema am Lehrstuhl für Management Erneuerbarer Energien (IWÖ-HSG) ist. Aktuell habe der Krieg in der Ukraine und der Wunsch vieler Menschen, die Abhängigkeit von Russland zu verringern, der Energiewende Auftrieb gegeben.

In Verbindung mit der Dringlichkeit des Klimawandels erfordere die doppelte Krise eine Beschleunigung des Wandels. Damit aber rücke auch die soziale Akzeptanz in den Mittelpunkt. «Projekte für erneuerbare Infrastrukturen sowie ehrgeizige energie- und klimapolitische Massnahmen stossen häufig auf lokalen Widerstand», betonte der Professor für Management Erneuerbarer Energien. Es sei wichtig, die Dynamik der gesellschaftlichen Akzeptanz zu verstehen, um der Energiewende zum Erfolg zu verhelfen.

Wurzeln und Ursachen des Widerstands

Das REMforum widmete dem Thema einen Impulsvortrag und drei Podiumsdiskussionen mit Fachleuten, die sich in unterschiedlichen Ländern und verschiedenen Organisationen mit der sozialen Akzeptanz befassen. Gastredner Prof. Dr. Geraint Ellis von der Queen's University Belfast stellte in seinem Impulsvortrag Erkenntnisse aus dem vierjährigen Horizon-2020-Forschungsprojekt «Mistral» vor.

Es spürt den Wurzeln und Ursachen des Widerstands gegen Vorhaben für erneuerbare Energien nach. «Die soziale Akzeptanz ist dynamisch und hat zeitliche Auswirkungen. Der Status Quo bestimmt die Bedingungen für die Akzeptanz und erschwert den Systemwandel», erklärte der Gastredner.

Wichtig zu verstehen sei, dass bei der Umsetzung von Projekten nicht nur die Technik eine bedeutende Rolle spiele. Entscheidend seien ebenso der Ort und die Emotionen. «Die Hauptbedenken gegen die Windenergie sind von Land zu Land verschieden, aber die ökologischen und visuellen Auswirkungen sind meistens von gleicher Bedeutung», betonte Geraint Ellis.

Deshalb brauche Fortschritt Reflexion. Die Rolle der Einzelnen müsse bei diesem Wandel anerkannt werden, niemand dürfe zurückgelassen werden. Ein wichtiger Aspekt sei zudem ein gerechter Übergang. So müsse es beispielsweise alternative Möglichkeiten geben, erneuerbare Ressourcen zu besitzen, einschliesslich gesellschaftlicher Eigentumsrechte.

Der Wert einer starken Bürgerbeteiligung

In der ersten Diskussionrunde unter der Leitung von SRF-Mitarbeiter Arthur Honnegger stand die Frage im Vordergrund, wie eine Beteiligung die Akzeptanz von Projekten für erneuerbare Energien in der Gemeinschaft erhöhen kann.

Dr. Frank Dumeier, CEO WEB Windenergie AG aus Österreich, und Thomas Tribelhorn, CEO ADEV Energiegenossenschaft aus der Schweiz, erklärten beide, ihre Unternehmen legten viel Wert auf eine starke Bürgerbeteiligung. Bei jedem Projekt sei es wichtig, die Anliegen und Bedürfnisse der lokalen Region zu berücksichtigen, umfassende Information und Transparenz zu bieten wie auch die Vorteile eines Projektes für die Gemeinschaft aufzuzeigen.

Ben Hoen, Forschungswissenschaftler im Berkeley Lab in den USA, strich hervor, dass Fragen rund um Fairness, Partizipation und Vertrauen die Akzeptanz eines Projektes stark beeinflussten. Würden Bürger konsultiert und angehört, verbessere sich die Einstellung zu geplanten Windprojekten.

HSG-Masterstudentin Céline Pfister stellte die «HSG Solar Community» vor, die zum Ziel hat, auf den Dächern des Campus der Universität St.Gallen Solaranlagen zu installieren. Beim von Studenten geleiteten Projekt werde Crowdfunding eingesetzt, damit möglichst viele Interessierte einen finanziellen Beitrag zur Reduktion des CO2-Fussabdrucks der Universität leisten könnten.

Akzeptanz für erneuerbare Energien steigern

Am zweiten Panel beteiligten sich Prof. Jeremy M. Firestone von der Universität von Delaware in den USA, Hanne May von der Deutschen Energie-Agentur und Prof. Dr. Gabriele Spilker von der Universität Konstanz. Die Frage, wie das Interesse für erneuerbare Energien vergrössert werden könne, sei nicht einfach zu beantworten, erklärte Gabriele Spilker. «Macht es beispielswiese Sinn, die Menschen mit mehr Informationen über den Klimawandel einzudecken? Oder erreicht man damit genau das Gegenteil und die Menschen ziehen sich noch mehr zurück?»

Auch Hanne May zeigte sich überzeugt, dass es nicht nur einen Ansatz gibt, um Akzeptanz zu steigern. «Es braucht einen ganzen Blumenstrauss von Aktivitäten und Massnahmen, angefangen von umfassender Beteiligung bei den Projektplanungen über transparente, schnelle und möglichst einheitliche Genehmigungsverfahren, die Einbindung lokaler Akteure in die Projekte bis zur finanziellen Beteiligung von Bürgern und Kommunen an den Erlösen oder anderen wirtschaftlichen Vorteilen für die Nachbarn der Vorhaben.»

Jeremy Firestone brachte die Qualität von Informationen über erneuerbare Energien ins Spiel. Bewusst gestreute Falschinformationen von Gegnern der Energiewende und Lobbyisten der fossilen Energien wirkten gegen die soziale Akzeptanz. Es gelte sie ernst zu nehmen und Antworten darauf zu geben.

Bild: Universität St.Gallen / Hannes Thalmann

Kann die Energiewende gelingen?

Die dritte Podiumsdiskussion warf zum Abschluss des REM-Forums die Frage auf, wie Erneuerbare Energien als Lösung für die Energiesicherheit akzeptiert werden. Die drei Panelteilnehmenden Natalie Sleeman, Erste Botschaftsrätin der EU-Delegation in Bern, Marina Weisband, Psychologin und Partizipationspädagogin aus Deutschland und Prof. Charlie Wilson vom Oriel College in Oxford, gaben sich vorsichtig optimistisch, dass die Energiewende gelingen wird. «Wendet sich die Welt erneuerbarer Energien zu, verschwindet die Machtbasis aller Diktatoren, deren Staaten von fossilen Rohstoffen leben», zeigte sich Marina Weisband überzeugt. Charlie Wilson sprach den enormen Preisanstieg im Energiebereich an, der durch den Krieg in der Ukraine entstanden ist. Dieser Preisschock werde mehr Menschen davon überzeugen, den Energiewandel voranzutreiben. Obwohl die Schweiz ein kleines Land sei, spiele sie im Green Deal eine wichtige Rolle, betonte Natalie Sleeman.

Von solarer Mobilität bis zu Wärmepumpen

Auf dem Programm des REMForums standen auch vier Workshops, die Fragen zu unterschiedlichsten Themen rund um erneuerbare Energien erörterten. Im Zentrum des ersten standen Wärmepumpen. Die Teilnehmenden diskutierten, ob Wärmepumpen-Leasing die Notwendigkeit von Anfangsinvestitionen beseitigen, die Komplexität von Projekten verringern und die Risiken für die Endnutzer vermindern könnte. Der zweite Workshop stellte Technologien vor, welche dazu beitragen, die Klimaneutralität im Agrarsektor zu erreichen. Die Installation von PV-Anlagen und E-Traktoren waren Stichworte dazu.

Die Teilnehmenden des dritten Workshops lernten, wie mit neuen Technologien Industrie- und Gewerbegebiete mit neuen Technologien zu lokalen Energiesystemen oder «B2B-Energiegemeinschaften» werden. Das vierte Thema behandelte die intelligente solare Mobilität als eine der Schlüssellösungen zur Erreichung der Schweizer Klimaziele in den beiden Sektoren Energie und Verkehr. Fragen rund um den Ladevorgang und den flexiblen Energiebedarf von Elektroautos prägten diesen Workshop.

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