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Stadt St.Gallen
25.06.2022
26.06.2022 16:16 Uhr

Wiborada und die Ungarn

Maria Hufenus, Stadtführerin
Maria Hufenus, Stadtführerin Bild: leaderdigital.ch
Die St.Galler Schutzheilige heisst Wiborada. Sie liess sich in einer Zelle einschliessen und verliess diese auch nicht, als die Ungarn 926 in die Gallusstadt einfielen. Ihr Tod durch Barbarenhand machte sie zur Märtyrerin; 1047 wurde sie als erste Frau überhaupt heiliggesprochen.

Wiborada stammte aus einer vornehmen Thurgauer Familie. Schon früh entsagte sie weltlichem Glanz, lebte asketisch und wohltätig. Nach dem Tod ihres Vaters pflegte sie ihre kranke Mutter. «Auf einer Wallfahrt nach Rom zusammen mit ihrem Bruder, dem Priester Hitto, besuchte sie die heiligen Orte», erzählt die St.Galler Stadtführerin Maria Hufenus. Durch ihren Bruder eignete sie sich geistliche Bildung an; sie konnte die 150 lateinischen Psalmen auswendig.

In Begleitung Abtbischof Salomons III. kam Wiborada 912 nach St.Gallen und lebte in einer Zelle bei der Kirche St.Georgen auf den südlichen Höhen oberhalb des Klosters. «Andere Frauen folgten ihrem Beispiel. Unter ihrer Leitung bildete sich im Schatten des Gallusklosters eine Gemeinschaft von Inklusinnen, d.h. in Zellen eingeschlossen lebenden Einsiedlerinnen», so Maria Hufenus, auf die wir uns hier berufen.

Nach vierjähriger Probezeit liess sich Wiborada von Salomon 916 in eine Zelle an der Kirche St.Mangen auf Lebenszeit einschliessen. Hier wurde sie zur weiblichen Ratgeberin für Klerus, Adel und Volk Alemanniens. Ihr Name «Wiberat» bedeutet «Rat des Weibes».

Ihr wichtigster Rat ging an Abt Engilbert (925–933). Wiborada kündigte ihm aufgrund einer Vision den Ungarneinfall für das folgende Frühjahr an und veranlasste ihn, Bibliothek und Kirchenschatz rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Maria Hufenus ist der Meinung, dass Wiborada aufgrund ihr zugetragener Berichte auf einen Überfall der Ungarn schloss. Um ihre «Offenbarung» zu begründen, benützte sie eine Vision.

Am 1. Mai 926 fielen die Ungarn dann tatsächlich in St.Gallen ein, fanden aber nur ein leeres Kloster vor. Da Wiborada ihrem Gelübde getreu in ihrer Zelle geblieben war, vermuteten die Eindringlinge darin den Kirchenschatz. Als sie jedoch nichts fanden, erschlugen sie Wiborada.

«Ergriffen von der Gelübdetreue dieser Frau» schrieben die Mönche des Klosters lateinisch in ihr eigenes Professbuch: «Am 1. Mai wurde die Reklusin Wiberat von den Heiden getötet.» (Johannes Duft)

Um 960/70 verfasste der Klosterdekan Ekkehart I. die erste «Vita Sanctae Wiboradae». 1047 erfuhr Wiborada als erste Frau die päpstliche Heiligsprechung. «Seit dieser Kanonisation durch Papst Clemens II. zählt sie unter dem zweifachen Ehrentitel der Jungfrau und Märtyrin zu den Schutzheiligen St.Gallens», so Maria Hufenus.

Dieser Text ist aus der LEADER-Sonderausgabe «St.Galler Festspiele 2022». Die LEADER-Herausgeberin MetroComm AG aus St.Gallen betreibt auch stgallen24.ch und rheintal24.ch. Die St.Galler Festspiele finden vom 24. Juni bis zum 8. Juli 2022 statt.

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