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09.06.2022
09.06.2022 09:30 Uhr

«Wir sind keine Bananenrepublik»

Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter und Ex-UEFA-Präsident Michel Platini stehen vor Gericht
Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter und Ex-UEFA-Präsident Michel Platini stehen vor Gericht Bild: deutschlandfunk.de
Nationalrat Roland Rino Büchel aus dem St.Galler Rheintal gilt als «grösster FIFA-Kenner» im eidgenössischen Parlament. Wir haben vor dem heutigen zweiten Verhandlungstag gegen Sepp Blatter und Michel Platini mit ihm gesprochen.

Live-Ticker, Live-Schaltungen und Medien aus aller Welt: Es ist wieder «FIFA-Time». Dieses Mal am Bundesstrafgericht in Bellinzona, wo Ex-FIFA-Präsident Sepp Blatter und Ex-UEFA-Präsident Michel Platini antraben müssen. Insgesamt sind elf Verhandlungstage bis zum 22. Juni angesetzt. Ein Urteil soll am 8. Juli 2022 verkündet werden. Gestern konnte Sepp Blatter wegen gesundheitlicher Probleme nicht vernommen werden. Heute Donnerstag wird Michel Platini befragt, in den Tagen danach verschiedene Zeugen.

Roland Rino Büchel, Korruptions- und Vetternwirtschaftsvorwürfe gegen Sepp Blatter sind nicht neu. Bisher kam er jeweils glimpflich davon. Wird es dieses Mal vor dem Bundesstrafgericht anders sein?

Die Anklageschrift ist sehr detailliert und nennt eine Vielzahl von Beweismitteln. Ich gehe davon aus, dass es für die Angeklagten Blatter und Platini eng wird.

Sie hatten beruflich sowohl mit Blatter als auch mit Platini zu tun. War das zu der Zeit, als Platini als gut bezahlter «Berater» für Blatter amtete?

Ja, es war genau zu der Zeit. Blatter hatte zu viele dubiose Gestalten um sich, als er die Fifa führte. Platini war als Fussballer ein Vorbild für mich, als Funktionär definitiv nicht. Heute vermuten die beiden Angeklagten eine Verschwörung gegen sie. Verschwörungstheorien machen mich immer stutzig, vor allem wenn sie als Propagandawaffe eingesetzt werden.

Sepp Blatter hat heute Morgen in Bellinzona gesagt, er habe einen «Super-Anwalt».

Dr. Lorenz Erni gilt als Koryphäe. Es hilft aber sicher mehr, wenn Blatter in diesem Fall sauber ist und dies beweisen kann. Das wird nicht einfach sein.

Der Anwalt des ehemaligen UEFA-Präsidenten Platini zeigt sich zuversichtlich. Mit gutem Grund?

Das gehört zum Spiel. Doch die bisherigen Befragungen, welche während der Untersuchung durch die Bundesanwaltschaft durchgeführt wurden, scheinen in seiner Argumentation eine Reihe von Widersprüchen aufzuzeigen.

Sagen Sie damit, dass die Argumente der Angeklagten für Sie nicht schlüssig sind?

Offenbar gibt es Zeugen, welche es komplett anders sehen. Dabei handelt es sich um ehemalige Angestellte der FIFA, welche die Lage richtig einschätzen können sollten. Ich gehe davon aus, dass man davon in den nächsten Tagen mehr hören wird.

Der Fall wird in verschiedenen Medien als komplex dargestellt. Ist das Ganze so kompliziert, wie es aussieht?

Überhaupt nicht. Die FIFA bezahlte Platini im Februar 2011 zwei Millionen Franken, angeblich für dessen Tätigkeit in den Jahren 1998 bis 2002 als Berater von Sepp Blatter, also eine halbe Million Franken pro Jahr.

Gemäss Blatter und Platini hätte man 1998 (mündlich) einen Jahreslohn von einer Million Franken abgemacht, die FIFA habe aber in der damaligen Zeit nicht genügend Liquidität gehabt.

Und darum habe man vereinbart, die Differenz der Lohnzahlung aufzuschieben. Unbestritten ist, dass Blatter (als Präsident der FIFA) und Platini sich im Jahr 1999 auf eine schriftliche Vereinbarung über einen jährlichen Lohn von 300'000 Franken einigten. Soweit ich informiert bin, gab es keinen Vorbehalt mit Zahlungsaufschub für höhere Lohnansprüche.

Hätte man einen solchen nicht auch bei der formellen Beendigung des Mandats im Jahre 2002 anbringen können?

Wahrscheinlich schon. Doch nach meinen Informationen hat Platini auch damals keinen solchen Vorbehalt angebracht. Falls es anders wäre, hätten ja Rückstellungen in den Büchern der FIFA gemacht werden müssen. Wurde das gemacht? Dies ist einfach zu verifizieren.

Damals waren Sie Marketingchef des grössten Sportanlasses in Afrika, der Afrika-Meisterschaft im Fussball.

Diese fand unter abenteuerlichen Umständen westafrikanischen Mali statt. Platini spielte dort eine schwer fassbare Rolle. Es gefiel mir nicht, wie er, mit welcher Absicht auch immer, permanent um die afrikanischen Funktionäre herumschlich.

Welche Rolle spielen die «Geheimtreffen Lauber/Infantino» in diesem Prozess?

Gemäss einem Schreiben des zuständigen a.o. Bundesanwalts Maurer an die Präsidentin des Strafgerichts besteht aufgrund der aktuellen Beweislage kein Zusammenhang mit diesem Prozess.

Was erwarten Sie vom Prozess?

Dass ein Schlussstrich gezogen wird unter eine Angelegenheit, welche bereits seit Jahren untersucht und kommentiert wird. Ich kämpfe seit mehr als zwanzig Jahren intensiv gegen die Korruption im Sport, seit zwölf Jahren auch im Nationalrat und seit sieben Jahren im Europarat.

Deshalb sind die Gesetze geändert und die so genannte Magglinger Konvention des Europarats unterschrieben und ratifiziert worden. Doch die Schweiz wird international weiterhin scharf kritisiert, vor allem die eidgenössische Justiz.

Ich bin zuversichtlich, dass die Bundesanwaltschaft und die Justiz endlich so arbeiten, dass es künftig keine Gründe mehr gibt, die Schweiz vom Ausland her als «Bananenrepublik» zu beleidigen.

stgallen24/stz.