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15.05.2022
15.05.2022 11:58 Uhr

Der Cupfinal der Ausgehungerten

Peter Zeidler: parat für die Freude nach dem Cupfinal
Peter Zeidler: parat für die Freude nach dem Cupfinal Bild: KEYSTONE/LAURENT GILLIERON
Lugano gegen St.Gallen, so lautet der Schweizer Cupfinal am Sonntag um 14 Uhr im Wankdorf. Eine ganze Stadt drückt dem FCSG die Daumen.

Lugano wie auch St.Gallen spielen in der zu Ende gehenden Meisterschaft gute Rollen. Die Tessiner trotz kürzeren Baissen schon in der ganzen Saison, die Ostschweizer dank einer beeindruckenden Rückrunde, in der sie nur 3 von 16 Spielen verloren, zuletzt nacheinander gegen den neuen Meister Zürich und den abtretenden Meister YB. Die Ostschweizer gewannen in diesem Frühling beide Meisterschaftsspiele gegen die Tessiner. Lugano wiederum hatte aus den zwei Duellen des Herbsts vier Punkte geholt.

Der Cupfinal 2022 ist der Cupfinal der Hungernden. Zählt man die Zeit des Wartens zusammen, kommt man auf 82 Jahre: Lugano wartet seit 1993, St. Gallen seit 1969. Auch wurde kein anderer aktueller Klub der Super League derart lange nicht Cupsieger wie Lugano und St. Gallen. In den längsten Durststrecken stecken Lausanne-Sport (seit 1999) und Servette (seit 2001).

Erster Gegner aus der Super League im Final

Wären die Ziehungen der Cup-Runden manipuliert gewesen - was sie nicht waren -, hätte man schier vermuten können: Der FCSG soll, nachdem er nun 53 Jahre hat warten müssen, unbedingt in den Final kommen - und natürlich den Cup gewinnen. Tatsächlich ist Lugano im Wettbewerb dieser Saison St. Gallens erster und einziger Gegner aus der Super League. In den ersten zwei Runden waren unterklassige Gegner (Münsingen und Chênois aus der 1. Liga) durch das Cup-Reglement gegeben. In den Achtelfinals hätte St. Gallen erstmals auf einen Super-League-Klub treffen können. Aber von dort weg wurden die Lose Chiasso, Etoile Carouge (beide aus der Promotion League) und schliesslich als Knacknuss der Challenge-League-Neuling Yverdon gezogen. Jetzt also können nur noch die Luganesi den St. Gallern den lange ersehnten Triumph verwehren.

Erinnerungen an 1998

1998, noch im alten Wankdorf mit den vier Lichtmasten und den zwei Resultat-Türmen, hätte St. Gallen den Cup gewinnen müssen. Das Duell der Trainer in einem der dramatischsten Finals hiess Bregy (Lausanne) gegen Hegi (St. Gallen). Die Story schrieb aber ein Niederländer: Edwin "Edi" Vurens aus der orangen Ära der St. Galler (Hellinga/Regtop/Vurens). Die vielen St. Galler Fans in Bern konnten schon singen, denn Vurens schoss nach einer halben Stunde das 1:0 und direkt nach der Pause das 2:0. Nach 56 Minuten trat er einen Foulpenalty, der das 3:0 bedeutet hätte. Aber Martin Brunner im Lausanner Tor hielt. Es ermunterte die Waadtländer, alsbald mit zwei Toren zurückzuschlagen. Nicht Vurens wurde der Held des Cupfinals, sondern Martin Brunner. Er wehrte im Penaltyschiessen zwei weitere Penaltys ab.

Vurens hielt sich in der nachfolgenden Saison mit dem Schweizer Meistertitel schadlos. Aber erst, nachdem er zu Servette gewechselt hatte. Wäre er in St. Gallen geblieben, wäre er erst ein Jahr später, 2000, Meister geworden.

Sich schonen und verlieren?

Drei Tage vor dem letztjährigen Cupfinal St. Gallen - Luzern vom Pfingstmontag spielte der FC St.Gallen in Genf gegen Servette in der Meisterschaft. Trainer Peter Zeidler wollte seinen besten Spielern die beschwerliche Reise mit Flug ab Zürich oder zweimal 360 Autokilometern so kurz vor dem wichtigsten Spiel der Saison nicht zumuten. Er schickte, salopp gesagt, eine B-Mannschaft nach Genf. Ati-Zigi, Fazliji, Quintilla, Duah, Stergiou, Babic, Stillhart, Görtler, Guillemenot, Ruiz, Lüchinger, damals auch noch Youan und Adamu - sie alle ruhten sich daheim aus. Die Nachwuchsmannschaft, in der der später aufgestiegene Alessio Besio spielte und traf - siegte bei Servette 2:1. Es war eine Sensation in einem sportlich unbedeutenden Spiel. Drei Tage später verloren die Ausgeruhten den Cupfinal gegen Luzern 1:3.

Und was machte Luganos Trainer Mattia Croci-Torti diesen Mittwoch, vier Tage vor dem Cupfinal gegen St. Gallen? Auch er ersparte etlichen Spielern den Weg nach Genf, Spielern, die zum Teil rekonvaleszent sind, aber im Cupfinal auflaufen dürften.

Europäischer Startplatz als Belohnung

Im Cupfinal geht es auch um einen Platz in der Qualifikation zur Conference League der nächsten Saison. St.Gallen und Lugano hätten eine solchen auch als Zweite oder Dritte der Meisterschaft erreichen können. Aber dafür kommt St.Gallen nicht mehr in Frage, und Lugano hat nur noch sehr geringe Chancen, die Young Boys vom 3. Platz zu verdrängen. In den letzten beiden Runden müssten die Luganesi zweimal gewinnen und die Berner zweimal verlieren.

Mattia Croci-Torti möchte auch nach dem Cupfinal so strahlen können Bild: KEYSTONE/SALVATORE DI NOLFI
sda/stgallen24