Home Region Sport Magazin In-/Ausland Agenda
Gesundheit
11.01.2022

Vernazza: «Impfung für Junge nicht ganz unproblematisch»

Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza
Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza Bild: PD / unsplash.com
In seinem Blog stellt sich der ehemalige Chefarzt Pietro Vernazza die Frage, ob die Impfung auch für Junge unproblematisch sei. Dabei analysiert er eine Studie der Universität Oxford und kommt zum Schluss, dass die Impfung für unter 40-jährige Männer gefährlicher als eine Infektion sein könnte.

Der St.Galler Pietro Vernazza war bis zu seiner Pensionierung Chefarzt der Infektiologie am Kantonsspital St.Gallen tätig. Während der Pandemie zählten Vernazzas Einschätzungen zu den wichtigen, aber auch umstrittenen Expertenstimmen (stgallen24 berichtete).

Doch auch nach seiner Pensionierung befasst sich der Mediziner mit Corona und allem, was dazugehört. In seinem Blog-Beitrag auf «infekt.ch» ging er nun der Frage nach, ob die Covid-Impfung auch für Junge unproblematisch sei.

Und Vernazza stellt fest: Nicht alle Impfungen seien frei von Nebenwirkungen. Vor allem vor Autoimmun-Phänomene – also wenn die Immunantwort fälschlicherweise die körpereigene Zellen bekämpft – nach Impfungen sollte man Respekt haben. Nun sehe man aber ausgerechnet bei an Covid Erkrankten zahlreiche solcher Phänomene, ausgelöst durch das Spike Protein, welches auch für Autoimmunkrankheiten nach der Covid-Impfung sorge.

Problematisch für Männer U40

Vernazza vermutet, dass sich früher oder später jede Person mit Covid-19 anstecken wird. Nun stellt sich der ehemalige Chefarzt die Frage, ob man sich vor den seltenen Autoimmun-Nebenwirkungen der Impfung zu fürchten braucht, wenn man ohne Impfung so oder so von so einem Autoimmun-Phänomen betroffen werden könnte.

Ein typisches Beispiel für so eine Autoimmunerkrankung sei die Herzmuskelentzündung (Myokarditis) – sowohl bei Covid-Erkrankten als auch bei Geimpften. Wie viel höher oder niedriger die Chance ist, eine Herzmuskelentzündung aufgrund der Impfung oder Covid-Erkrankung zu bekommen, hat eine Studie im «Nature Medicine» (Patone et al., 14.12.21) aufgezeigt.

Das Ergebnis: Es sei wahrscheinlicher, durch die Erkrankung eine Myokarditis zu erleiden, als nach einer Impfung – dies gelte jedoch nicht für Männer im Alter zwischen 16 und 40, welche die zweite Moderna-Impfung bekommen haben. Bei dieser Gruppe liege das Risiko höher, durch die Impfung anstelle durch eine Infektion eine Herzmuskelentzündung zu bekommen.

  • Das Risiko, an Myokarditis zu erkranken, ist nach einer Infektion höher. Bild: Studie: Patone et al., 14.12.21
    1 / 2
  • Doch nach der zweiten Moderna-Impfung ist für unter 40-Jährige das Risiko höher, als nach einer Infektion. Bild: Studie: Patone et al., 14.12.21
    2 / 2

Laut Vernazza gibt es noch weitere Dinge zu beachten:

  • Gemäss Studien sei die Anzahl der tatsächlich Erkrankten eher doppelt so hoch, wie die Anzahl der gemeldeten Fälle. Wenn die Anzahl der Erkrankten eher doppelt so hoch ist wie in der Studie erfasst, so sei die Rate an Myokarditiden nach Erkrankung nur noch halb so hoch.

  • Das Nutzen/Risiko-Verhältnis einer Impfung dürfte sich mit jüngerem Alter ungünstig verhalten.

  • Nebenwirkungen treten nach der zweiten Impfung häufiger auf. Es seien noch keine Daten zur Häufigkeit der Nebenwirkungen nach der Booster-Impfung vorhanden. Doch gerade bei jüngeren Menschen ohne relevantes Komplikationsrisiko, müsste man vorsichtig sein, um sicher keinen Schaden anzurichten.

Vernazza ist sich bewusst, dass er möglicherweise nicht alle Aspekte berücksichtigt hat. Neben der Myokarditis müsse man auch andere Risiken in Betracht ziehen. Nach seiner Analyse stellt er fest: Die Grundimmunisierung (1. und 2. Impfung) für Erwachsene ist sicher die beste Prävention.

Doch er sehe es nicht als unproblematisch, wenn junge Menschen durch Zertifikatsauflagen nun faktisch zur Impfung und Boosterung gezwungen werden, ohne sicher zu sein, dass mit der Impfung für junge Menschen keinen Schaden angerichtet wird. «Im Medizinstudium hatten wir noch aus der hippokratischen Tradition gelernt: ‹Primum nil nocere›, was soviel heisst wie ‹Erstens nichts schaden›.»

«Ich bin sicher, dass ältere Menschen von einer dritten Impfung profitieren können. Doch ob wir wirklich genügend Evidenz haben, um auch für Kinder, Jugendliche und junge Menschen von einem vernachlässigbaren Impfrisiko zu sprechen, wage ich zu bezweifeln. Ein bisschen Sorgfalt und Achtsamkeit lohnt sich auch in unserem Beruf immer noch.»
Prof. em. Dr. med. Pietro Vernazza, ehem. Chefarzt der Infektiologie.

Neue Daten zeigen erhöhtes Risiko auf

Die Autoren der Studie haben an Weihnachten ein Update der Daten auf einem Pre-Print-Server publiziert. Die Daten umfassen nun über 40 Millionen geimpfte Personen und auch Booster-Impfungen. Für die differenzierte Analyse des Risikos der Booster-Impfung waren allerdings nur ausreichend Daten zur Pfizer-Impfung vorhanden. Hier zeigte sich auch nach dem Booster noch einmal ein erhöhtes Risiko einer Myokarditis (verglichen zum erwarteten Durchschnittsrisiko), fast wie nach der zweiten Dosis.

Doch in der nun grösseren Auswertung (Patone et al, 25.12.21)war auch in der Gesamtpopulation, das heisst in allen Altersklassen, das Risiko einer Myokarditis nach der zweiten Moderna-Impfung signifikant höher als nach einer durchgemachten Krankheit. Nach der zweiten Moderna-Impfung ist das Myokarditis-Risiko um 35 Fälle auf 1 Million Geimpfte erhöht (ein Fall auf ca. 30'000 Impfungen) verglichen mit einem Risiko von 30 Fällen pro Million nach der Erkrankung. Aufgrund der oben geschilderten ungenügenden Erfassung von Erkrankungen, dürfte das Risiko nach Erkrankung eher um 10 bis 20 Fälle pro Million betragen.

In der erweiterten Analyse war weiterhin eindeutig, dass das Risiko für Myokarditiden nach Erkrankung vor allem bei älteren Personen erhöht war. Analysiert man jedoch die Personen unter 40 Jahren, so sieht man weiterhin eine massive Erhöhung des Myokarditis-Risikos nach Moderna-Impfung besonders bei Männern.

Auch nach dem Booster ist für Jüngere das Myokarditis-Risiko höher als nach einer Infektion. Bild: Studie: Patone et al., 25.12.21
pez/stgallen24