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Gesundheit
10.01.2022
10.01.2022 19:24 Uhr

Heisst die neue Bundesrat-Strategie «Durchseuchung»?

Alain Berset zögert mit Massnahmen
Alain Berset zögert mit Massnahmen Bild: Archiv
Die Corona-Zahlen in der Schweiz erreichen täglich neue Rekordwerte. Trotzdem zögert der Bundesrat mit neuen Massnahmen. Planlosigkeit oder Durchseuchung? Der Schweizer Weg sorgt erneut für Skepsis.

Am Montag (10. Januar 2022) meldet das Bundesamt für Gesundheit 63'647 neue Coronavirus-Ansteckungen innert 72 Stunden, 48 neue Todesfälle und 233 Spitaleintritte. Aktuell befinden sich in den Spitälern insgesamt 649 Personen in Intensivpflege. Die Auslastung der Intensivstationen beträgt 73,70 Prozent. 30,20 Prozent der verfügbaren Betten werden von Covid-19-Patienten belegt.

So viele Neuansteckungen gab es in der Schweiz noch nie. Die 14-Tage-Inzidenz liegt bei 3'212. Zum Vergleich: Die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland liegt bei 375 und das obwohl der grosse Nachbar rund zehn Mal so viele Einwohner hat. Österreich meldete am Sonntag eine Sieben-Tage-Inzidenz von 617.

Patrick Mathys vom BAG Bild: zVg

«Schweizer Omikron-Roulette»

Kurz gesagt: Die Corona-Zahlen in der Schweiz explodieren. Trotzdem sind im Vergleich zu den Nachbarländern, wo Impfpflicht und Lockdown diskutiert werden, die Massnahmen eher lasch. Erst am Mittwochabend teilte Bundesrat Alain Berset mit, dass er derzeit keine schärferen Regelungen vorsieht. «Wir verfolgen sehr genau, wie sich Ferienende und Schulbeginn auswirken und wie sich der Druck auf die Spitäler – Hospitalisierungen und IPS-Auslastung – entwickelt», so Berset. Entscheidend sei, wie viele Omikron-Infizierte Intensivpflege benötigten.

Der Schweizer Weg sorgt für Skepsis: So schreibt das deutsche Portal «Focus Online» «Schweizer Omikron-Roulette: Das Virus galoppiert, doch die Regierung wartet lieber ab» und die «Zeit» titelt «Zögern, zaudern, wursteln». Ist der Bundesrat wirklich so planlos wie vorgeworfen wird oder lässt er die Bevölkerung durchseuchen? Folgendes spricht für eine Durchseuchung:

Mutation hat das Potenzial zur Durchseuchung

Die Virusmutation Omikron verbreitet sich massiv schnell, ist aber laut aktuellem Wissenstand nicht gefährlicher als die Delta-Variante, was auch die Diskrepanz zwischen Hospitalisierungen und Fallzahlen zeigt. Die milden Krankheitsverläufe hätten laut Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung im BAG, aber auch mit der vorausgehenden Immunisierung von weiten Teilen der Bevölkerung zu tun. Denn Omikron erwischt auch Geimpfte, Genesene und Geboosterte.

Das Virus scheint den Charakter der Pandemie zu verändern. Der deutsche Virologe Christian Drosten sagte gegenüber der «Süddeutschen Zeitung», dass Omikron die Virusvariante sei, die uns durch die endemische Phase begleiten wird. Das bedeutet: Diese Coronawelle könnte der Anfang vom Ende sein. 

Keine neuen Massnahmen trotz Rekordzahlen

Wir erinnern uns: Der Bundesrat hatte am 16. März 2020 die «ausserordentliche Lage» gemäss Epidemiengesetz ausgerufen. Alle Läden, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe mussten schliessen. Kontakte wurden auf das Minimum beschränkt. Die Corona-Zahlen waren damals deutlich tiefer als heute, die Hospitalisierungen bewegten sich auf dem ähnlichen Niveau, wie die Grafiken unten zeigen.

  • Fallzahlen während der gesamten Pandemie Bild: covid19.admin.ch
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  • Hospitalisierungen während der gesamten Pandemie Bild: covid19.admin.ch
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Doch damals war das Virus neu und das Wissen darüber mager. Erst im Dezember 2021 betonte der Bundesrat, dass man einen weiteren Lockdown unbedingt verhindern möchte. Dass der Bundesrat aber bei Fallzahlen von über 30'000 pro Tag keine neuen Massnahmen beschliesst, passt nicht zur bisherigen Strategie. 

Es sei an der Zeit, «dass wir der Realität ins Auge schauen und der Bevölkerung reinen Wein einschenken», sagt die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli im Gespräch mit der «NZZ am Sonntag». Die Durchseuchung sei laut Rickli «einfach die Realität, dass wir nun alle eine Immunisierung aufbauen werden. Sei es durch den Booster oder durch die Ansteckung». Rickli fordert vom Bund, der «Bevölkerung reinen Wein einzuschenken».

  • Die trotz Corona-Pandemie dicht beieinander stehenden Skifans bei den Rennen in Adelboden lösten Verwunderung und Sorge bei Rennfahrern und Zuschauern aus. Bild: Keystone/AP/GABRIELE FACCIOTTI
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  • Riesenslalom-Gewinner Marco Odermatt lässt sich in Adelboden BE im Zielraum feiern. Bild: KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT
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Worte und Bilder passen nicht zusammen

Offiziell wünscht die Schweiz keine Durchseuchung, wie Patrick Mathys Ende Dezember vor den Medien sagte. Theoretisch sei es aber möglich, Omikron laufen zu lassen. Doch eine optimale Versorgung von Patienten wäre nicht mehr zu gewährleisten und Mathys warnte vor einer möglichen Überlastung der Spitäler. Doch diese Aussagen passen nicht zu Bildern wie jene beim Skirennen in Adelboden, wo 12'000 Fans ohne Maskenpflicht jubelten und ausgelassen feierten.

«Die Schweizer gehen da ein bisschen einen anderen Weg. Die versuchen an einem Wochenende gleich alles zu durchseuchen», sagte dazu der Österreichische Skirennfahrer Manuel Feller in einem Interview mit dem ORF nach seinem zweiten Platz in Adelboden. Beobachter vor Ort sprachen von einer «absurden» Szene. 

Ob der Bundesrat Omikron wirklich einfach laufen lässt oder einen Kollaps mit schärferen Massnahmen versucht abzuwenden, wird sich wohl spätestens am Mittwoch bei der nächsten Sitzung zeigen.

mik/stgallen24